Über 5.000 Meter . . .
- Ingo

- vor 13 Stunden
- 11 Min. Lesezeit
Depesche 04 - 25. Juli 2026
Von Lhasa nach Shigatse
5080 Meter über NN

Weiße Wolken ziehen über den 7.206 Meter hohen Gipfel des Noijin Kangsang, dessen eis- und schneebedeckn Spitze im harten Kontrast zum sonst so tiefblauen Himmel steht. Aus der Abbruchkannte des ewigen Eises strömen Gletscherbäche, die hier und da auf dem dunkelbraunen Gestein kleine Wasserfälle bilden. Gegenüber liegt der 6.674 Meter hohe Gipfel des Kalurong. Die Sonne brennt förmlich auf der Haut, trotz der
der großen Höhe. Wir stehen auf dem Karo La Pass, auf gut 5.100 Metern Höhe und das Naturschauspiel ist unbeschreiblich. Eine kleine, weiß getünchte Stupa reckt sich vor dem Betrachter in die Höhe, als wolle sie mit den über 7000 Metern des vereisten Berges mithalten. Sie ist alt, vermutlich hundertfach geweißt worden und ihr Sockel verschwindet gänzlich in unzähligen Gebetsfahnen. Große, kleine, alte und neue Gebetsfahnen. Es ist windig und die farbigen Stoffquadrate flattern unkontrolliert und laut im Wind. Hier im hohen Himalaya sind die Gebetsfahnen in jeder Größe omnipräsent und meist weithin sichtbar. Wenn man irgendwo an den grünen oder graubraunen Steilhängen einige Farbtupfer erspäht, dann sind es definitiv Gebetsfahnen. Blau für den Himmel, Weiß für die Luft, Rot für das Feuer, Grün für das Wasser und Gelb für die Erde. Auf ihnen stehen Gebete und Mantras. Nach tibetisch-buddhistischer Vorstellung trägt der Wind die darauf gedruckten Segenswünsche weiter. Ich finde, dass man diesen Glauben nicht teilen muss, um die poetisch-spirituelle Kraft dieser Idee zu verstehen. Daheim schreiben wir unsere Botschaften auf „Schilder“ und erwarten oder hoffen, dass jemand stehen bleibt und sie liest. Die Tibeter geben ihre Botschaften dem Wind.

Wir verlassen Lhasa recht früh und - lieber Leser - ich habe hervorragend geschlafen! Fühle mich, als könnte ich förmlich Bäume ausreißen . . . naja, so bildlich gesprochen. Habe mich vor lauter Erschöpfung nach unserem gestrigen Kulturmarathon um halb 9 abends einfach an die Sauerstoffmaschine gehängt und 10 Stunden geschlafen. Tief, traumlos und fest! Anni meinte, dass sie mehrfach nachts aufgestande sei, um zu überprüfen, ob ich noch atme . . . Kopfschmerzen sind weg und einen Bärenhunger hab ich auch. Beim Frühstück merke ich schon an der Reaktion meiner Mitreisenden, dass ich wohl der einzige bin, der vor seinen physischen Gebrechen kapituliert hat und sich mit purem Sauerstoff gedopt hat - jawohl - die ganz Nacht! Hemmungslos! Schlauch an die Maschine geflanscht und rein mit dem cleanen Zeug! Natürlich sieht man ein bisschen so aus, als käme man gerade nach einer 13 stündigen OP vonne Intensivstation, aber - ganz ehrlich - ist mir total egal! Wie gesagt, Bäume ausreißen!


Kunchock treibt uns ein wenig an, anscheinend ist Eile geboten. Aha, so so - warum, erschließt sich mir nicht so ganz. Aber es scheint wichtig zu sein, dass wir uns beeilen. Also nix wie rein in unser Luxus-VIP-Mobil und es geht los. Daheim sind wir daran gewönt, unser Umfeld, wie Landschaften oder Städte in überschaubaren Einheiten zu begreifen. Ein Tal endet am nächsten Höhenzug, hinter dem nächsten Wald beginnt ein Dorf, nach einigen Kilometern kommt eine Tankstelle, ein Kirchturm, ein Industriegebiet oder wenigstens ein Kreisverkehr, der beweist, dass sich irgendwo wer Gedanken über unsere Orientierung gemacht hat. In Tibet ist diese Vorstellung wertlos.


Kaum liegt Lhasa hinter uns, scheint das Land, alle vertrauten Proportionen zu "verschieben". Straßen werden zu dünnen Linien in einer Landschaft, die viel zu groß für sie scheint. Berge, die man zunächst für nahe Hügel hält, brauchen eine Stunde, bis man sie erreicht. Wann immer ein Dorf am Horizont erscheint, bleibt es über Kilometer hinweg ein Dorf am Horizont. Und über allem spannt sich ein Himmel, der hier nicht mehr wie die obere Begrenzung der Landschaft wirkt, sondern wie ein eigener Raum. Unterstützt wird dieses Phänomen durch die großen weißen Wolkengebilde, die die Himmelsweite seltsam sturkturieren. Zur besseren Dimensionsorientierung rufe ich mir immer ins Gedächnis, dass, dass Lhasa selbst bereits auf etwa 3.650 Metern liegt. Daheim wäre eine Stadt auf dieser Höhe eine geografische Absonderheit. Hier ist sie lediglich Ausgangspunkt.

Die Straße nach Süden steigt bald weiter an, hinein in eine Landschaft, in der 4.000 Meter keine Gipfelhöhe, sondern normales Straßenniveau ist. Für mich liegt darin eine der eigentümlichsten Erfahrungen in Tibet: Man fährt durch alltäglich Landstriche, in denen die Alpen längst aufgehört haben - so rein höhenmäßig. Unser Fahrer folgt zunächst dem mächtigen Yarlung Tsangpo, jenem Fluss, der weiter östlich den Himalaya durchbricht und schließlich als Brahmaputra nach Indien und Bangladesch fließt. Als wir auf 4.500 Metern über N.N. das erste Mal Pause machen und wir ihn tief im Tal fließen sehen, kündet allein die Dimension seines Flussbettes von der schwer begreiflichen Größe und Weite des tibetischen Hochlandes. Der Fahrer treibt unser silbernes VIP-Zäpfen gnadenlos Serpentine um Serpentine nach Richtung Pass. Die Täler werden kleiner, die Vegetation spärlicher. Am Horizont "blitzen" immer wieder schneebedeckte Gipfel durch die tiefhängenden Wolken. Jeder Höhenmeter nimmt dem Land etwas von seiner Vertrautheit. Bäume verschwinden weitgehend. Zurück bleiben gelbbraune Hänge, Felsen, Grasflächen und gelegentlich kleine Siedlungen, die sich an "geschützte" Terassen der Steilhänge schmiegen. Kleine schwarze Punkte auf den weiten und extrem steilen Berghängen entpuppen sich als grasende Yaks. Während sich der Bus mit

durchaus weltlicher Dieseltechnik bergauf arbeitet, hängen in den Kurven der meisten Serpentinen unzählige Gebetsfahnen. Im stillen hoffe ich, dass diese Gebetsfahnen lediglich von einem tiefen Glauben zeugen und nicht als Warnung an den Autofahrer gedeutet werden können. Unser Fahrer, dessen Namen ich ehrlicherweise gar nicht kenne, macht keine Gefangenen beim Fahren. Silbermedaille ist auch keine Option, nein, er will das Wagenrennen gewinnen. In Anbetracht dieser hochfrequentierten Passstraße, hat die tiebetische Straßenverwaltung wohl nicht zu Unrecht für starke Leitplanken gesorgt. Tief im Tal liegt hier und da ein völlig zerstörtes Autowrack, was von dem kühnen, ja vielleicht zu kühnen Fahrvermögen einzelner tibetischer Wagenlenker zeugt.


Auf dem Kamba La Pass entlässt uns Kunchock mit den Worten, "20 Minutes picture point"! Im Tal hinter uns liegt der Yarlung Tsangpo River. Es ist windig und Wolken ziehen gemächlich, aber doch wahrnehmbar gen Westen. Auf der anderen Seite liegt der türkisfarbene heilige See der Tibeter, der Yamdrok Yumsto. Etwas erhöht hat man eine begehbare "Stupa" aus gebetsfahnen gerrichtet. Der Wind lässt diese Stoffteile ordentlich im Wind "knallen". Dieses "Knall"- oder Flattergeräusch ist für mich eins der beruhigensden Geräusche Tibets, keine Frage. Neben dem schneidigen Wind ist es ziemlich kühl und so schlendern wir dick verpackt umher und versuchen erst einmal unsere Kurzatmigkeit in Griff zu bekommen. Beschleunigt man unbedacht seine Schritte, wird man sofort mit Atemnot bestraft. Was soll ich sagen, bin halt doch ein Flachlandtiroler. Wir hocken uns in diese Flaggen-Stupa und versuchen zu begreifen, wo wir nun eigentlich angekommen sind. Handschriftlich ist die Zahl 5.010 Meter auf den fahl-roten Sockel gemalt und wir sind einmal mehr völlig von den Dimensionen ergriffen, die die Welt zu bieten hat. Wir schauen uns an und auch ohne Worte ist uns das ungeheure Privileg bewusst, dass wir diesen, mir manchmal ziemlich unwirklichen erscheinenden Teil der Erde bereisen dürfen. So lassen wir hier auf 5.000 Metern alles los, was den eigenen Kopf tatsächlich so belegt. Allein die physische Anstrengung und die Kontrolle über die Atmung zu behalten, beschäftigt einen ohnehin schon genug. Und in Anbetracht des überwältigenden Panoramas kommt mir wieder mal der Satz in den Sinn, "ist das Leben so vieler Fragen wert?" Wir beschließen alles aufzusaugen, was sich unserem Auge bietet, tief durchzuatmen und auf die Laute der Welt zu hören, aufdass wir in unseren späten Jahren diese Erinnerungen wieder hervorholen können.



Auf der anderen Seite des Passes erlebt man chinesisches Disney-Land. Der Chinese als solches benötigt kein Visum und kann einfach so nach Tibet reisen, wohl eher mit einer Gruppe, denn völlig individuell. Die Chinesen mögen es medial, grell bunt und schräg. Die tibetische Spiritualität, die hier in den Bergen überall zu spüren ist, interessiert den Chinesen generell kaum. Vielmehr das Selfie und der anschließende Tiktok-Upload selbigen Bildes. Dazu muss Action her, denn Filmchen ohne Action generieren keine Likes und keine Reichweite . . . Was soll ich sagen. Man platziere einen völlig schwarzen SUV, chinesischer Bauart (heimischer Patriotismus muss sein!) vor dem schönsten Blickwinkel auf den heiligen See der Tibeter, stelle zwei 100 Watt-Boxen neben dem mattschwarzen Offroad-Bat-Mobil auf, lasse lautstark chinesischen Rap ablaufen, platzieren einen Profikameramann davor und stelle nun reihenweise die chinesischen Influencer-Tiktok-Girlies zum Karaoke-Luftgitarren-Kontest auf das Dach des PS-Boliden. Kostet natürlich, und das nicht zu knapp. Die medienabhängige China-Tiktok-Jugend steht nun Schlange, um sich in völlig hirnverbrannten Mediencontent zu produzieren . . . Wie gesagt, chinesisches Disney-Land. Laut, grell, bunt, zweckfrei - und teuer . . . Nun ja, wie verhindert man, dass Menschen selbstständig denken . . . Fragen über Fragen des Orients.

Der Yamdrok Yumtso See ist glasklar und türkisfarben und darüber hinaus für die Tibeter sehr heilig. Vom Pass fahren wir etwa 400-500 Höhenmeter wieder in engen Serpentinen herunter. Die türkisschillernde Wasseroberfläche liegt auf etwa 4.441 Metern Höhe. Der See erstreckt sich mit zahlreichen Buchten und Seitenarmen über eine gewaltige Fläche; seine langgezogene, verzweigte Gestalt lässt sich vom Boden kaum vollständig erfassen. Offiziell geben die chinesischen Behörden die Fläche des Sees übereinstimmend mit 638 km² an. Zum Größenvergleich: Der Bodensee hat rund 536 km² Fläche. Der Yamdrok Yumtso See ist nach der offiziellen 638 km²-Angabe also etwa 19 % größer als der Bodensee.

Wir parken am Ufer und laufen gemächlich zum Ufer. Seine Farbe ist das Erste, was wir wahrnehmen. Die Farbe des Wasser ist umwerfend. Türkis trifft es eigentlich nicht, zumindest nicht ausschließlich.
Je nach Sonnenstand wechselt die Farbe des Wassers zwischen tiefem Blau, Grün, Türkis und beinahe milchigem Aquamarin. Im Kontext mit den kahlen grün-braunen Bergen wirkt diese Farbe fast künstlich. Doch für die Tibeter ist der Yamdrok Yumtso weit mehr als ästhetische Landschaft. Neben dem Namtso und dem Manasarovar gehört er zu den besonders verehrten Seen Tibets. Religiöse Traditionen verbinden ihn mit Schutzgottheiten; Pilger besuchen seine Ufer und umrunden heilige Landschaften in rituellen Koras. Dass der See in tibetischen Vorstellungen als beseelter und heiliger Ort verstanden wird, ist gut dokumentiert. Nun muss ich ein wenig ausholen und mal tief in meinem Gedächnis nach den main facts kramen, denn Kunchock hat die ganze Zeit schon vom Yamdrok Yumtso erzählt . . .

Der Yamdrok Yumtso gilt im tibetischen Buddhismus nicht einfach als heilig, weil er außergewöhnlich schön ist. Seine Heiligkeit beruht vielmehr auf einer Verbindung aus vorbuddhistischen Vorstellungen, buddhistischer Kosmologie, lokalen Schutzgottheiten und jahrhundertelanger Pilgertradition, also, wenn ich unseren Kunchock richtig verstanden habe. Denn, lieber Leser, höre und staune, in der religiösen Tradition Tibets werden Landschaftselemente – Berge, Seen, Quellen und Flüsse – häufig als Aufenthaltsorte beziehungsweise Wirkungsbereiche spiritueller Wesen und Geister verstanden. Auch der Yamdrok Yumtso wird mit einer weiblichen Schutzgottheit verbunden. Aha, so so! Der See wird daher nicht nur als Gewässer verstanden, sondern als beseelte, schützende Landschaft. Was soll ich sagen? Eine alte tibetische Überlieferung, so Kunchocks Fakten, identifiziert den Yamdrok Yumtso als Aufenthaltsort der Schutzgottheit Dorje Gegkyi Tso. Aha, so so - die also!
Besonders interessant fand ich außerdem die traditionelle Vorstellung der Tibeter, nach der das Fortbestehen des Yamdrok Yumtso mit dem Wohlergehen Tibets verbunden sei. Der See fungiert damit gewissermaßen als Lebens- und Schutzsymbol des Landes. Diese Vorstellung erklärt auch, weshalb Eingriffe in Seen und Berge, oder generell in die Natur Tibets, weit über Fragen des Natur- oder Landschaftsschutzes hinausgeht. Was für einen chinesischen Ingenieur eine Ressource oder ein Gewässer ist, kann aus der traditionellen Sicht eines Tibeters Bestandteil einer höheren sakralen Ordnung sein. Aha, so so. Da stelle ich mir die Bürgeranhörung ja ziemlich spannend vor, wenn es einen neuen Stausee geben soll . . . Wunder über Wunder des Orients!
Wie bei anderen heiligen Orten Tibets gehört eine Kora, eine rituelle Umrundung, zur religiösen Praxis. Der Yamdrok Yumtso ist aufgrund seiner stark "verzweigten" Form allerdings ein ziemlich ambitioniertes und gewaltiges Pilgerzie. Wenn ich mir das so auf der KArte anschaue, dann ist eine vollständige Umrundung wohl kein gemütlicher Nachmittagsspaziergang.

Interessanterweise liegt kein bisschen Müll rum, und schwimmen will auch keiner. Wäre ohnehin verboten, aber dieses Fleckchen Erde ist einfach sehr gepflegt. Gut, natürlich sind wir in einem Teil Chinas, was bedeutet, dass es immer etwas grelles, buntes, lautes und auch situativ fragwürdiges geben muss. Keine Frage! Am Ufer drängen sich Tibeter, die ihren Lieblingsyaks einen Friseurbesuch spendiert haben und natürlich das Sonntagssattelzeug hervorgekramt haben. Da kann sich nun die, bis vor kurzen noch berühmte Tiktok-Luftgitarreninfluencerin, auf einem aufgehübschten Yak runrflätzen und erneut Content produzieren. Scheinbar ist das kurz vor knapp, denn schließlich ist seit dem Luftgitarrencontest auf dem Pass bereits eine halbe Stunde vergangen und bevor die Follower von der Fahne gehen, muss Action her. So kämmt der stolze Yakvatti nochmal den Schopf des sichtlich blöde dreinblickenden Yaks und ab geht die Contentpost . . . Außerdem gibt es da noch die Wächster des Yamdrok Yumtso . . . Jawohl, die Wächter. Da lungern riesige Tibetdoggen, auch Tibetan Mastiffs genannt, auf teppichbelegten Holzgestellen rum. Die Viecher haben mächtige Köpfe, dichtes Fell und einer Mähne, die jedem durchschnittlichen Löwen Anlass zu ernsthafter Selbstkritik geben dürfte. Außerdem tragen sie gerne pinke Sonnenbrillen. Tja, was soll ich sagen, der geneigte Leser hat bestimmt schon begriffen, worum es geht. Der heilige See reicht der Influencergilde als Actionmotiv nicht aus. Da muss was spannenderes her. also hocken das gekämmte und bebrillte Mastiffs rum und warten auf Foto-/Filmkundschaft. Da denkt man ja, kein Tourist,

zumindest kein Tourist aus dem Westen, würde diesen Schwachsinn mitmachen . . . Was soll ich sagen? Hab mal ein Bild aus dem Netz genommen und den Vogel unkenntlich gemacht . . . Traditionell werden diese Hunde im tibetischen Hochland als Herdenschutzhunde gehalten. Sie bewachten Vieh, Zelte und Besitz gegen Eindringlinge und Raubtiere – eine Aufgabe, für die sie bereits durch bloßes Herumsitzen erstaunlich qualifiziert erscheinen, wie ich finde. Man sieht eine Tibetdogge so vor einer Jurte rumlungern und verspürt spontan keinerlei Bedürfnis, etwas "mitgehen" zu lassen . . . Irgendwie machen mich solche Aktionen immer etwas sprachlos . . .


Kunchock schleppt uns zum Lunch zu einer tibetischen Familie. Die wohnt gut 10 Kilometer von der Hunde- und Yakveranstaltung entfernt, ziemlich nah an den heiligen Gestaden. Das rechteckige, typische Haus im tibetischen Stil hat auch die Mauern, ganz traditionell, mit Yakdung erhöht, der dort in der Sonne trocknet, um dann als Brennmaterial zu dienen. Annis olfaktorischer Test scheint glimpflich abzulaufen und so werden wir in die gute Stube eingeladen. Die Familie ist ganz herzig und sofort bekommen wir einen Tee, wahlweise Buttertee oder

gesüßten schwarzen Tee. Dazu reicht die Dame des Hauses ein Kupfertablett mit einen süsslichen, wenn auch ziemlich trockenen Hefegebäck. So ein bisschen wie die spanischen Churros, nur trockener - viel trockener! Über Buttertee schreibe ich später, lieber Leser - versprochen. Das Essen ist super lecker, viel gemüse, Yakfleisch, Huhn und Kartoffeln. Doch wir müssen weiter, den bis Shigatse ist es noch eine halbe Tagesreise.





Die Straße verliert wieder Höhe und unser Wagenlenker fegt über längere Strecken entlang der Ufern und Seitentälern des Sees. Als wir den See "verlassen" verändert sich die Landschaft wieder.
Kleine Dörfer tauchen auf. Felder liegen auf flachen Terrassen, in denen überwiegend Gerste angebaut wird. Yaks und Schafe weiden auf steilen Weideflächen, die aus unserer Sicht kaum noch nach Weide aussehen. Wir durchqueren die "Stadt" Nagarzê, obwohl es gar nicht als Stadt erscheint, vielmehr hat es nur dörflichen Charakter.
Unsere Route liegt fast immer deutlich über 4.000 Metern. Das Täler um Nagarzê gehört zu jener charakteristischen Hochlandschaft Südtibets, in der große Seen, weite Ebenen und Gebirgsketten ineinandergreifen.


Südlich und westlich von Nagarzê beginnt die Bergwelt noch einmal an Höhe zu gewinnen. Hier erhebt sich unter anderem der Kalurong, mit 6.674 Metern und der Noijin Kangsang, mit 7.206 Metern. Wir halten zwischen diesen beiden massigen, vereisten Bergspitzen an. Siebentausendzweihundertsechs Meter. In meinem Kopf ist diese Zahl super abstrakt. Nun stehen wir davor. Das ewige Eis der vergletscherten Bergspitzen glitzert in der Sonne und die klare, reine Luft ist - wenn auch dünn - doch sehr betörend.




Wenn ich mich richtig erinnere, könnte man den höchsten Berg Deutschlands, die Zugspitze, zweimal übereinander stellen, und es bliebe immer noch reichlich Luft nach oben . . . Aber natürlich spüre ich diesen merkwürdigen Effekt: Selbst ein Siebentausender verliert ein wenig von seinem dramatischen Eindruck, weil man ja bereits auf vier- oder fünftausend Metern unterwegs ist. Was soll ich sagen, aus der Distanz haben diese hohen Himalaya-Riesen eine viel höhere Dramatik. Dennoch beginnt man unweigerlich, im Angesicht von soviel Naturschönheit, -größe und -erhabenheit, die eigene Bedeutung neu zu kalkulieren, ja zu "kalibrieren". Ich lasse meinen Blick schweifen. Am Straßenrand stehen kleine Chörten, Gebetsfahnen oder Mani-Steine. Auf manchen sind Mantras eingemeißelt. Traditionell gekleidete Menschen drehen Gebetszylinder, Pilger werfen sich nieder, leise gemurmelte Gebetsmantren durchdringen den Wind und das laute Gejohle der am weit entfernt liegendenden Instapoint agierenden chinesischen Jungend. Anders als in vielen anderen Ländern Asiens wirkt die gelebte Spiritualität der Tibeter nicht wie ein folkloristisches Anhängsel zur dieser grandiosen Landschaft. Sie gehört zu ihr. Sie steht im




starken Kontrast zum modernen staatlichen Erscheinungsbild, auf das die chinesische Verwaltung so viel Wert legt.
Breite Straßen, chinesische Beschilderung, Kontrollpunkte, neue Siedlungen, Infrastruktur und politische Symbolik begleiten uns ständig. Gleichzeitig bleibt die tibetisch-buddhistische Spiritualität des Altages sichtbar: in den Klöstern, den ausgetretenen Pilgerwegen, an den flatternden Gebetsfahnen und im alltäglichen Verhalten vieler Menschen. Bonne nuit folks!




