Der Geruch von Yakbutter . . .
- Ingo

- vor 3 Tagen
- 12 Min. Lesezeit
Depesche 02 - 23. Juli 2026
Lhasa
3650 Meter über NN

Gefühlt habe ich 10000 Jahre geschlafen. Der geneigte Leser mag mir meine exorbitante Übertreibung verzeihen, aber wir sind schließlich im Reich der Mitte. Dem Land von Mythen, Drachen und dem Umstand, dass sie für eine Sache Hunderte von verschiedenen Bedeutungen haben. Also, 10000 Jahre ist mehr so sinnbildlich für tief und fest gemeint. Mein Kopf brummt, ich habe keinen Appetit und eine Schlappheit hat von meinem Körper Besitz genommen, als hätte ich eine endlos dauernde, sinnfreie Tagesordnung in einem sinnlosen Meeting hinter mir. Da haben wir es: Höhe! Gestern Abend auf der Fahrt vom Flughafen dachte ich noch, „Merke ja gar nichts!“. War vielleicht etwas voreilig gedacht. Der Blick in die Runde zeigt, dass es den anderen auch nicht viel besser geht. Werfe erstmal eine Kopfschmerztablette ein und hoffe, dass das alles vorüber geht. Gott, zwei Klöster stehen für heute auf dem Programm. Keine Ahnung, wie ich das bewältigen soll. Vermutlich auch noch den Berg raufkraxeln. Mein Lebenstempo in Lhasa hat sich auf die Geschwindigkeit einer Schildkröte reduziert. Alles gaaaanz langsam. Richard will wissen, ob ich die Sauerstoffmaschine benutzt habe, die in unserem Hotelzimmer steht. Äh, nö. Er schlägt vor, dass ich mich in der kommenden Nacht mit so einem Schlauch an das sauerstofftechnische Nasenbärengerät hänge und pures O2 „snüffel“. Lächerlich, ein Kerl wie ich, lächerlich!



Kunchock, unser Guide, ist bester Laune und treibt uns Schildkröten an, den Van zu entern, damit das Sightseeingprogramm beginnen kann. Für mich ist das sehr komisch, hab ich in den vergangenen Jahrzehnten doch immer mein Reisetempo selbst bestimmt und nun wird es von Höhe und einem Guide bestimmt. Aha, so so! Individuelle Touren sind in Tibet nahezu unmöglich und ein Abweichen vom Reiseplan ist gleichzusetzen mit der Quadratur eines Kreises. Was soll ich sagen. Noch bevor der Van unseren Hotelparkplatz verlassen hat, ist Kunchock schon tief in der Tour-Begleitmaterie, der buddhistischen Tour-Begleitmaterie. Habe noch gar keinen Überblick über Lhasa. Für gewöhnlich nehme ich mir am Ankunftsabend einen Stadtplan und eruiere alles mögliche, damit ich mich frei orientieren kann. War aber so erledigt, dass da nix raus geworden ist. Höre nur mit halbem Ohr zu und hoffe, dass es nachher keine Abfrage der Fakten gibt. Da ich ganz hinten im Van sitze, kommt von der leisen Stimme unseres Guides bei mir nicht viel an. So gleiten meine Gedanken ab. Lhasa hatte ich mir irgendwie ganz anders vorgestellt, so viel ist mal sicher. Irgendwo habe ich gelesen, dass Lhasas Stadtgebiet eine Fläche von rund 31.700 km² einnimmt, wobei sich das eigentliche Stadtgebiet auf das Tal des Lhasa-Flusses konzentriert, mit etwa 880.000 Einwohnern. Auf einer Höhe von etwa 3.650 Metern über dem Meeresspiegel gelegen, zählt Lhasa damit zu den höchstgelegenen Großstädten der Erde. Vielleicht hatte ich im Hinterkopf noch dieses adoleszent geprägte Bild meines Onkels in den Tiefen meines Hirns, welches für Reiseromantisierung zuständig ist, wer weiß das schon? Lhasa ist jetzt eine „normale“ chinesische Großstadt halt. Unser Busfahrer gibt alles, nicht, dass das jetzt falsch rüberkommt- er fährt total sicher, aber halt schnell. Überhaupt ist der Verkehr in Lhasa total gepflegt, man beschleunigt eben irre und natürlich muss man daher auch 200 Meter weiter an der nächsten Ampel 2 Minuten ausharren, bevor der Gashahn wieder malträtiert werden kann.



Ziemlich erledigt lasse ich das städtische Rahmenprogramm an mir vorbeiziehen und komme zu dem Schluss, dass Lhasa - zumindest wenn man die großen chinesischen Boulevards verlässt - so eine Mischung aus tibetischer, chinesischer und nepalesischer Wohn- und Lebenskultur ist. Enge Gassen mit vielfach geflickten oder erweiterten Zementwegen. Sich nach unten verbreiternden Flachdachbauten tibetischer Familien, weiß gekälkt mit umlaufenden ochsenblutfarbenen oder schwarzen Dachabschlüssen. Auf den jeweiligen vier Eckpunkten der Häuser flattern aufgeregt ganze Sammlungen von verblichenenden Gebetsfahnen knatternd im Wind. Schwarzabgesetze Faschen sind um verblichene hölzerne Fensterrahmen aufgemalt und erzeugen den Eindruck einer strengen schwarzen Hornbrille. Gleich daneben stehen eher chinesisch geprägte Häuser, gelblich gestrichen, schmal von der Front her und langgezogen in die Tiefe der Community. Silbern glänzende Stahlgeländer an Treppen und Balkonen, die aluminiumgerahmten Türen und Fenster mit grünlich reflektierender Fensterfolie beklebt. Noch ein Haus weiter steht ein eher nepaligeprägtes Haus mit schräg anbetonierter Parkplatzfläche, auf der zwei große chinesische SUVs stehen. Vor allen Fenstern hängen schwere Vorhänge, das rötliche Rahmenholz ist verschlissen und die Lackierung blättert ab. Überall vor den Häusern steht ein Sammelsurium an Fässern, Drahtrollen, Müllsäcken, Reste an Bauschutt, schrottreife Roller und/oder benutzbare Roller, dazwischen Sitzbänke aus Plastik auf denen traditionell gekleidete, ältere Menschen sitzen und zuschauen, wie die Zeit vergeht.




Als unser Fahrer mit Schwung bremsend den Van zum stehen bringt, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Wir stehen vor dem Drepung Kloster. Der Name Drepung bedeutet sinngemäß übersetzt "Reishaufen". Hab ich mal gelesen, nicht, dass das der geneigte Leser denkt, ich hätte in Vorbereitung tibetische Vokabeln gepaukt. Nein, der Legende nach erinnerten die vielen weiß getünchten Gebäude an einen mächtigen Haufen frisch ausgeschütteten Reises. Wenn ich meinen Blick so über die zahllosen Gebäude gleiten lasse, dann kann ich diesen Spitznamen schon nachvollziehen. Vermutlich ist dies die einzige kulturhistorische Moment in der Geschichte Tibets, bei der Architektur mit Lebensmitteln verglichen wurde? Fragen über Fragen des Orients.
Natürlich liegt das riesige Kloster, welches zeitweise bis zu 10000 buddhistische Mönche beherbergte, eng an einen Steilhang geflanscht. Wenn der geneigte Leser jetzt, so bequem in einen Lesesessel gelümmelt, denkt, wie malerisch, dann kann er nicht meine Panik nachvollziehen. Schon am Eingang führen steile Treppen bergauf und verschwinden in engen Gassen in die weitläufige Klosterstadt. Schweißperlen im Genick und wenig Sauerstoff im Blut, so fasse ich den aktuellen physischen Zustand meines Körpers mal zusammen. Über meinen Kopf, respektive mein Gehirn, will ich mal kein Sterbenswörtchen verlieren. Während man in Westfalen den Begriff „steil“ ingenieursmäßig mit der Prämisse „angenehme Steigung“ bautechnisch versieht, handelt man hier nach der Maxime, „solange ein Fahrzeug nicht nach hinten überkippt, geht bautechnisch alles!“ Also gut, raus ausse Komfortzone und das steile Kulturgut in Angriff nehmen . . .


Wer nach Lhasa reist, kommt früher oder später an zwei Orten vorbei: dem Kloster Drepung und dem Kloster Sera. Das liegt daran, dass man hier gebildet wurde, sag ich mal so. Also in der guten alten Zeit, wo man jahrhundertelang nicht nur gebetet, sondern ebenso intensiv gedacht und gelernt wurde. So richtig, nicht nach dem Prinzip, ich weiß wo’s im Handy steht, sondern so richtig mit denken, memorieren, anwenden, um am Ende Erkenntnis und Verstehen zu generieren. Natürlich alles der Erleuchtung wegen. Hier gings immer nur um Erleuchtung, so nebenbei erwähnt. Das generelle Bildungsziel hieß Erleuchtung, soviel ist mal sicher. Aber als Pauker ist natürlich der Weg zur Erleuchtung vielfältig und auch in Tibet gab es verschiedene Bildungsansätze. Beide Kloster gehören zur sogenannten Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus und beide waren über Jahrhunderte hinweg gewaltige Universitäten des Glaubens. Übersetzt bedeutet Gelug-Schule, Schule der sogenannten „Gelbmützen“. Aha, so so. Schlümpfe, ich habs gewusst! Aber dazu später mehr. Gegründet wurde Drepung im Jahr 1416 von Jamyang Chöjé Tashi Palden, einem Schüler des großen Reformers Tsongkhapa - ach, der Kerl war das - des Begründers der Gelug-Schule. Den Namen Tsongkhapa muss sich der geneigte Leser merken, der wird öfter auftauchen. Zumindest, wenn ich den Kunchocks glasigen Bilck richtig deute! Doch zurück zum Kloster . . . Also insgesamt eher eine exorbitant große Uni, als ein stiller Tempel, mit ausschließlich schweigenden Mönchen in tiefer, lebensentrückter Meditation. In Wahrheit wurde hier diskutiert, argumentiert, widersprochen und philosophiert – manchmal mit einer Leidenschaft, die jedem Bundestagspräsidenten den Schweiß auf die Stirn treiben würde.



Schon von weitem wirkt Drepung wie eine weiße Stadt, die sich an den Hang des Gambo-Utse-Berges schmiegt. Die zahllosen weißen Gebäude liegen terrassenförmig übereinander, sodass man meinen könnte, ein besonders ehrgeiziger Architekt habe beschlossen, den gesamten Berghang einzumauern. Es hilft nix, ich muss die schier zahllosen Treppen raufkraxeln, sonst bleiben mir die Geheimnisse dieser eindrucksvollen Klosteranlage für immer verborgen. Steile Stufen führen in die Höhe der engen Klostergassen, deren Dimensionen unfassbar beeindruckend sind. Rechts und links der gepflasterten Wege gehen Seitengassen ab an denen unzählige weiße Gebäude liegen. Alle im tibetischen Stil gebaut. Mehrere Stockwerke, aufsteigend verjüngender Baukörper, symmetrisch angeordnete Fenster, mit gemalten Rahmungen und den obligatorischen dunkel bemalten Dachabschlüssen. Während Europas Universitäten noch vergleichsweise überschaubar waren, entwickelte sich Drepung zur vermutlich größten Klosteruniversität der Welt. Hab ich irgendwo mal gelesen, ob der Leiter der Schule von Athen dem zustimmen würde, weiß ich nicht. Aber soviel ist sicher, im 17. Jahrhundert lebten hier schätzungsweise 8.000 bis 10.000 Mönche, manche Quellen sprechen sogar von mehr als 12.000 Studenten. Damit war Drepung damals größer als viele europäische Städte. So, dass musste mal gesagt werden! Ob ich hier mit meiner Studentenmentalität lange erwünscht gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln, denn der Alltag der Studentenmeute begann lange vor Sonnenaufgang. Gebetet wurde viel, gelernt noch mehr. Philosophie, Logik, buddhistische Ethik, Grammatik, Medizin und Astronomie standen auf dem Seminarplan. Wenn der geneigte Leser jetzt glaubt, das Mönchsleben bestehe hauptsächlich darin, still auf einem Kissen zu sitzen, rumzudenken, sich mantrisch im Takt von so langen Tröten hin und her zu wiegen, hätte spätestens nach der ersten Prüfung seine Meinung geändert.
Das Kloster Drepung war in mehrere sogenannte Dratsangs gegliedert, was wohl heute mit einzelnen Fakultäten vergleichbar wäre. Jede besaß eigene Lehrsäle, Bibliotheken und Wohnbereiche. Das Studium dauerte oft zwanzig Jahre oder länger, eine Tatsache, die meinem Vater kostenmäßig wohl etwas Schweißperlen ins Genick gezaubert hätten. Nehme mal an, dass die Mönchsstudenten wohl nicht in Clubs oder Cafés in Downtown Lhasa jobbten, um die Semesterbeiträge zusammenzukratzen, wer weiß das schon? Vermutlich gehörte neben der vielen Denkerei, Leserei und Diskutiererei auch körperliche Arbeit dazu, um das Leben dort zu bestreiten. Am Ende eines Studiums - mir geht diese Zahl 40 Semester nicht so richtig aus dem Kopf - konnte der höchste akademische Grad – der Geshe – erworben werden. Aha, so so. Wenn ich die ganzen Informationplakate in Deprung richtig verstanden habe, ist das vergleichbar mit einer Promotion, allerdings nach einem Studium, das deutlich weniger Semesterferien vorsah, wie mir scheint.


Natürlich sind die Gebetshallen ein gestalterisches Feuerwerk der buddhistischen Kunst des 17. Jahrhunderts, dessen Ablichtung ich dem geneigten Leser leider schuldig bleiben muss, da hier striktes Fotografierverbot herrscht. Was ich sehr schade finde, aber schon verständlich, denn indische und chinesische Touristen sind so schmerzfrei, was diese Dinge angeht, dass selbst unserem gutmütigen Kunchock mal der Kragen platzt und er einigen Westtouristen, die sich einfach auf die Mönchsplätze fläzten, freundlich aber strikt, den Marsch bläst. Vielleicht finde ich im Netz ein paar Abbildungen. Die schiere Größe der Klosteranlage ist nicht allein verantwortlich für die besondere Bedeutung Drepungs, sondern auch, weil hier der 2., 3. und 4. Dalai Lama lebten. Ach die Jungs! Der 2. Dalai Lama, Gendun Gyatsho, wurde später sogar im Kloster unter die Erde gebracht. Das Renommee der Uni stieg nochmals gewaltig, als im Jahr 1642, als der 5. Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatsho mit Unterstützung des mongolischen Fürsten Güshi Khan die politische Herrschaft über Tibet- nun ich sach ma vorsichtig - an sich zog. Alle Lamas, Geshes und Mönche mögen diesen politischen Schachzug wohl anders gesehen haben, wer weiß das schon? Übrigens, Lamas (erleuchtete Lehrer) und Geshes (promovierte Vorerleuchtete) haben nichts mit Lamas (südamerikanische Hochlandtiere) oder Geishas (historisch verbriefter japanischer Begleitservice) zu tun! Wollte ich nur mal kurz erwähnen. Also zurück zu unseren Dalai-Lama Lama Nr. 05. Da ist unser Kunchock inhaltlich ziemlich versiert. Kann kaum alles behalten, was er da an historischem Faktenfeuerwerk so raushaut, aber soviel habe ich noch im Gedächtnis, dass Nr. 05 bis zu seinem Umzug in den neu erbauten Potala-Palast, Drepung seine Residenz blieb. Wenn ich zwischen all der Fotografiererei noch Kunchocks These gefolgt bin, könnte man also sagen: Der Potala-Palast wurde zwar zum Symbol Tibets – regiert wurde das Land aber zunächst von hier. Aha, so so!





Der Gang durch das Kloster ist überaus sehenswert und wir können wenigstens wissenstechnisch ein bisschen an der spirituellen Oberfläche des tibetischen Buddhismus kratzen, Kunchock sei Dank! Ich bin zwar schnell aus der Puste, aber das Unwohlsein und die Kopfschmerzen sind in Anbetracht von soviel Erleuchtung verflogen.
Nach Kunchocks Infos leben heute nur noch einige Hundert Mönche im Kloster. Viele Gebäude wurden nach den schweren Zerstörungen während der Kulturrevolution restauriert. Dazu - Stichwort Kulturrevolution - schreibe ich später etwas. Wir strawanzeln so durch die engen, weißen Gassen, begegnen kunstvoll bemalten Säulen, alten Gebetshallen, riesigen Butterlampen und dem Geruch jahrhundertealter Räucherstoffe. Es ist eine Mischung aus Geschichte, Spiritualität und einem Hauch von, nun - wie beschreibe ich es - dem Geruch von muffiger, ranziger Yakbutter, der vermutlich schon seit fünfhundert Jahren selbst den alten Mauern Würgereize beschert. Meine bessere Hälfte beschreibt es folgendermaßen: Dieser heimtückisch olfaktorische Hinterhalt buddhistischer Klöster kleidet Lunge und Nasenwände von innen mit einem ranzig-muffigem Belag aus, der der Geruchsnote „gegorenes Milchfett“ entspricht. Oft helfen da noch nicht einmal die entsprechend schweren Patschuliräucherkegel. Der intensiv-penetrante Geruch von ranziger Yakbutter umweht omnipräsent die inneren und äußeren Klosterbereiche, ja sogar wenn ein Mönch am geneigten Besucher vorbeieilt, schwingt in seinem Fahrtwind das Parfum „Lucky Yak“ mit. Was soll ich sagen, Wunder über Wunder des Orients!




In der angeschlossenen Klosterkaschemme hat Kunchock für uns Plätze zum Mittagessen vorbereitet. An einem Ausgabe-Fenster bekommt jeder ein Edelstahlblech mit gestanzten Aussparungen, der Marke Alcatraz-Prison, so als Geschirr-Tablett-Kombination. Von vegetarisch, über Hühnchen- und Yakfleisch werden aus der Klosterkombüse die unterschiedlichsten Gerichte duch die heilige Durchreiche geschoben. Das Essen fällt mir schwer, denn die Höhe erzeugt auch eine gewisse Form von Appetitlosigkeit. Aber ich zwergel mir das tibetische Mönchsmenü rein, in der Hoffnung, auf diesem Wege vielleicht eine Vorstufe einer Erleuchtung zu erlangen . . . Nach dem Genuss des buddhistischen Mahls, wanken wir alle ein wenig hin zum Van und kaum dass ich in meinem Sessel gelandet bin, zwingt mich Morpheus in seine Arme . . .
Ein erneuter, Formel-Eins-verdächtiger Bremsvorgang des Vans, reißt mich gewaltsam von meinem fliegenden Teppich. Wir stehen vor dem Kloster Sera, besser bekannt als das Kloster der debattierenden Mönche. Aha, so so! Sachlogische Quasseleien werden meinem höhengestressten Hirn sicherlich Starthilfe geben . . . Bevor ich jetzt direkt in die Dialektik des tibetischen Buddhismus eintauche, vielleicht erstmal was zur Namensgebung des Klosters. Kunchock berichtet, dass der Hang, an dem das Kloster liegt, früher, also vor der Errichtung der Bauten, von Wildrosen bewachsen war. Das wurde zur Namensgebung, denn das tibetische Wort „Sera“ bedeutet „Wildrose“. Tatsächlich sieht man auch ziemlich viele Wildrosen in den Beeten der Klosteranlage. Ob diese Rosen damals ahnten, dass sie einmal Namensgeber einer der berühmtesten Lehrstätten Tibets werden würden, lässt sich heute leider nicht mehr überprüfen. Gegründet wird das Kloster im Jahr 1419 von Sakya Yeshe, ebenfalls einem Schüler Tsongkhapas. Wie gesagt, lieber Leser, den Namen muss man sich in Tibet merken! Trotz Müdigkeit scheint mir der Name des letzteren Kerls bekannt vorzukommen, denn Kunchock hat ihn wohl 1-100 mal erwähnt. Was soll ich sagen, mein Gehirn ist nicht auf der Höhe. Architekturgeschichte auf knapp 3700 Metern, parallel eine Einführung in die Entwicklung der Dalai-Lama Dynastien, mit dem Schwerpunkt tibetischer Buddhismus, der Geruch von ranziger Yakbutter, gleichzeitig muss ich filmen und fotografieren, dabei ist mein Gehirn scheinbar frittiert und ich bin müde!!! Aber Kunchock kennt keine historische Gnade mit den geistig verbeulten Bleichgesichtern, geht detailliert alles mehrfach mit uns durch, damit wir ja bloß die Grundlagen für den morgigen Besuch des Potala-Palastes haben.





Sera entwickelte sich zu einer riesigen Klosteruniversität mit zeitweise etwa 5.000 bis 6.000 Mönchen. Wie Drepung verfügte auch Sera über mehrere Fakultäten, umfangreiche Bibliotheken und eine hoch entwickelte Ausbildung. Mehr hab ich nicht behalten, ging nicht mehr rein. Kunchock ist auch schon wieder auf dem Weg aus der Gebetshalle raus, denn es ist just 15 Uhr. Da fängt traditionell die Debattierstunde der Mönche an. Aha, so so. Am Debattierplatz, das ist so eine baumbestandene Kiesfläche, stehen oder hocken alle Mönche des Kloster rum und debattieren sich die Zunge wund. Lauthals wund! Dabei stehen sich zwei immer zwei Mönche gegenüber. Der eine lümmelt ruhig auf einem Kissen auf dem Boden. Der andere Mönch läuft energisch auf und ab. Ein bisschen so, wie Vaddern, wenn in den 80er Jahren die Telefonrechnung der Deutschen Bundespost zu hoch war, weil man



stundenlang mit der Freundin telefoniert hatte. Plötzlich reißt der Debattierkollegenmönch den Arm hoch, klatscht laut in die Hände, stampft mit dem Fuß auf und beugt sich weit nach vorne. Was für den geneigten Reisenden wie der Auftakt einer zünftigen Messerstecherei in Berlin-Wedding anmutet, ist in Realität ein höchst philosophischer Diskurs. Laut Kunchock gehören diese Debatten seit Jahrhunderten zu den wichtigsten Lehrmethoden des tibetischen Buddhismus. Der stehende Mönch stellt Fragen, fordert Begründungen und versucht, logische Fehler in der These seines Gegenübers aufzudecken. Der sitzende Mönch muss jede Frage präzise beantworten. Das laute Händeklatschen ist keineswegs Ausdruck schlechter Laune oder die physische Vorbereitung eines linken Schwingers. Es symbolisiert das Zusammenführen von Weisheit und Methode und markiert gleichzeitig den Abschluss einer Argumentation. Das Stampfen unterstreicht die Entschlossenheit des Fragenden.
Wer nach zehn Minuten noch versucht, den Gedankengängen zu folgen, entwickelt tiefen Respekt vor den Beteiligten. Die Debatten können äußerst komplex werden und verlangen ein beeindruckendes Gedächtnis, große Konzentration und ein geschultes Verständnis buddhistischer Philosophie.





Hier wird nicht gestritten, um zu gewinnen, sondern hier wird diskutiert, um der Wahrheit näherzukommen, meint Kunchock. Ich kann’s nicht überprüfen, denn das Kameraklicken der chinesischen und indischen Touristen, die in einer Tour unter dem Schild „No Camera“, filmen, fotografieren und Selfies machen, übertönt den religiös-philosophischen Diskurs. Die gut 50 Mönche geben alles, soviel ist mal sicher. Ob für die Kameraobjektive, der touristischen Darbietung oder wegen des buddhistischen Diskutierens, bleibt mir verschlossen. Gemeinsam mit dem Kloster Ganden bildeten Drepung und Sera über Jahrhunderte das geistige Herz der Gelug-Schule. Tausende Mönche aus ganz Tibet, der Mongolei, Bhutan, Ladakh und sogar aus Teilen Chinas kamen hierher, um zu studieren. Diese Klöster waren weit mehr als religiöse Einrichtungen. Sie waren Universitäten, Bibliotheken, philosophische Akademien und kulturelle Zentren zugleich. Hier wurden Handschriften kopiert, Lehrbücher verfasst, medizinisches Wissen gesammelt, Kalender berechnet und Generationen von Gelehrten ausgebildet. Die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts veränderten das Leben in beiden Klöstern tiefgreifend. Während der Kulturrevolution wurden zahlreiche Gebäude beschädigt oder zerstört, religiöse Aktivitäten stark eingeschränkt und viele Kunstschätze gingen verloren. Seit den 1980er-Jahren wurden und werden immer noch große Teile restauriert. Heute sind Drepung und Sera wieder aktive Klöster, wenngleich ihre Mönchszahlen weit unter denen früherer Jahrhunderte liegen. Wenn wir da so durch diese alten Klosteranlagen schlendern, kann man gut nachvollziehen, dass ihre eigentliche Größe nicht allein in der Pracht der Gebetshallen und der überbordenden Innengestaltung liegt. Sie liegt in einer jahrhundertealten Tradition des Denkens. Zwischen Gebetszylindern und ranzigem Räucherwerk entsteht für mich ein Eindruck davon, warum Tibet über Jahrhunderte als eines der bedeutendsten Zentren buddhistischer Gelehrsamkeit galt. Was soll ich sagen, Wunder über Wunder des Orients.



Wenn der geneigte Leser jetzt glaubt, dass ich danach im Bettchen darf, der hat sich mächtig geschnitten. Kunchock hat schon den nächsten Topact auf Lager und der Van fliegt Richtung Old Lhasa. Kurz vor dem Jo Kang-Tempel kommt unser junger und überaus dynamische Van-Pilot im Stau mit seinem motorisierten Tieflieger ins Stocken. Alle Mann von Bord, Frauen und Kinder zuerst. Um den Jo Kang-Tempel steppt der Bär. Zur goldenen Stunde hat sich die Bewölkung verzogen und taucht Tibets Hauptstadt in weiches Licht. Hier sieht Lhasa aus, wie das geneigte Bleichgesicht die tibetische Hauptstadt vorgestellt hat. Enge kleine Gassen, flache tibetische Behausungen, natürlich bestens restauriert und Geschäft an Geschäft, sowie Mensch an Mensch. Kunchock schleust uns durch die ameisenhügelgleiche Altstadt in ein tibetisches Familienrestaurant. Niedrige Decken, geschnitztes, altes Gebälk, tibetisch bunt bemalt, mit niedrigen Tischen und Stühlen. Kumschuck organisiert und wir kriegen ohne Mitspracherecht irgendwelche Speisen auf Platten serviert, ohne zu wissen, was noch kommt. Aber es ist lecker! Gurkensalat mit Nüssen, gedünstete Bohnen mit Knoblauch und Zwiebeln, Huhn mit Gemüse und Yak-Momos, käseüberbackene Kartoffeln im Tontopf . . . Was soll ich sagen? Bonne nuit folks!




