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117 Höhenmeter in Stufen . . .

  • Autorenbild: Ingo
    Ingo
  • vor 2 Tagen
  • 18 Min. Lesezeit

Depesche 03 - 24. Juli 2026

Lhasa

3650 Meter über NN



Um 2 Uhr Nachts schrecke ich hoch. Mir ist übel, habe rasende Kopfschmerzen und meine Haut füllt sich an, als wäre mein inneres Gewebe völlig wund. Bekomme kaum Luft. Richards Tipp für solche Fälle: Mehrfach tief aus- und einatmen. Ganz ruhig mehrfach ein- und ausatmen. Mache ich. Trotzdem bleibt dieses äußerst unangemessene Gefühl der Wundheit meines Körpers. Darüber hinaus kann ich jede Feder der Matratze gefühlt zehnfach spüren. Nun gut, ehrlicherweise muss ich sagen, dass wir wieder mal ein Zweibrettzimmer erwischt haben und man die Matratzenfedern ohnehin spüren kann. Dennoch fühle ich mich, als wäre ich unter eine stampfende Herde Yaks gekommen. Bis zum Frühstück finde ich keinen Schlaf mehr. Richard stellt beim Frühstück - so nebenbei - wieder mal die ketzerische Frage nach der Sauerstoffdopingmaschine. Er diagnostiziert, dass mein physischer Zustand rein von Sauerstoffmangel herrührt. Wie gesagt, eine Herde stampfender Yaks! Wenn ich den Grad der Kopfschmerzen als Richtmaß nehme, waren die Yaks zudem auch noch wütend, was soll ich sagen. Mir gefällt diese Schlappheit gar nicht, denn heute hat Kunchock für uns den Besuch des Potala Palastes auf das Programm gesetzt und zu allem Überfluss regnet es ziemlich stark. Das ist zu viel des Pechs. Jawohl, da muss ich hier grad mal ein wenig rumnölen. Ich warte mein halbes Leben auf den Besuch des Potala Palastes und nun schifft es aus Kübeln und ich hab eine wütende Yakherde, die zwischen meinen Ohren hin und her stampft!



Aber es ist, wie es ist. Und schließlich sagen die Buddhisten, dass man es loslassen soll. Also lasse ich es alles los. Bin ohnehin zu erledigt, als dass ich es festhalten kann, wenn der geneigte Leser versteht was ich meine. Wir gurken wieder mit Höllemtempo von Ampel zu Ampel, biegen kurz vor der Altstadt links ab und dann liegt der Palast vor uns, massig, grau in grau mit den schweren Regenwolken, auf einem kleinen Hügel, davor Hunderte von lauten Chinesen und irren Indern im Selfiewahn.

Da ist sie nun und ich bin mir meiner Gefühle nicht so im Klaren. Kumschuck führt uns an die rechte Seite des Bauwerks, wo der Einlass für Reisegruppen ist. Es regnet und so stehen wir, tief in unsere Regenjacken gemummelt, in einer langen Schlange und harren der Dinge die da kommen. Unterwegs fallen natürlich die buddhistischen Devotionalienhändler mit räuberischen Absichten über uns her. Gebetsperlen, rotierende Gebetszylinder in allen Größen und Ausführungen, Gebetsfahnen in allen Größen und Ausführungen und natürlich der Stapel grüner 1-Yuan Banknoten. Tja, die buddhistischen Pilger tauschen hier, vermutlich, einen 50Yuan- Schein und bekommen, wieder vermutlich, 45 oder 48 der grünen 1 Yuan Scheine zurück. Diese werden als Opfergaben genutzt, aber dazu später mehr. Wir sind natürlich keine Zielgruppe für die mobile Devotionalienfraktion, weshalb sie nach ein paar halbherzigen Versuchen aufgeben und uns in Ruhe lassen. Die Schlange bewegt sich erstaunlich zügig Richtung des royalen Seiteneingangs, was daran liegt, dass es für die Besucher vorgegebene Zeitfenster und auch - höre und staune - Zeitintervalle gibt. Wir haben maximal zwei Zeitstunden für die Tour durch das Allerheiligste des Palastes. Erster Stopp ist das Palastklo, also das öffentliche Palast-Besucherklo. Nicht, dass der geneigte Leser nun denkt, Kunchock würde die Tour mit dem Bongo der Dalai-Lamas beginnen. Wir stehen noch am Fuße des kleinen Hügels, auf dem das riesige Bauwerk thront. Während fette Regentropfen klackende Laute auf unseren Hardshell-Regenjacken erzeugen, beginnt Kunchock mit seiner Tour am Fuß des Marpo Ri. Hier lag einst Shöl, übersetzt, die Schneestadt, die ehemalige Palaststadt. Beamte, Handwerker, Soldaten und Bedienstete lebten



hier unmittelbar unterhalb des Regierungssitzes. Bereits an dieser Stelle wird dem Reisenden Bleichgesicht die eigentliche Dimension des Potala deutlich, vor allen Dingen, dass der Potala niemals isoliert existierte. Er bildet das Zentrum eines lebendigen Verwaltungs- und Wirtschaftsviertels. Pilger, Händler, Gesandte und Mönche passierten täglich seine Gassen, Treppen und Plätze. Ein kurzes Wort zu Kunchock.

Kunchock ist ein ziemlich goldiger Kerl, verschmitzt, unglaublich belesen, wahnsinnig zuvorkommend, kümmert sich hervorragend um alle organisatorischen Details und kennt keine inhaltliche Gnade mit den Reisenden, wenn es um Informationsfülle über den tibetischen Buddhismus geht. Irgendwie versuche ich diesen gewaltigen Wissensozean in diese Depesche einzubauen, ob das gelingt, werde ich sehen. Falls ich zu schwülstig in der Sprache werde, bitte ich das zu entschuldigen, aber der offizielle Titel des 14. Dalai-Lamas, also des aktuellen, lautet: Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso. Das lesen wir uns jetzt 3 mal langsam vor, denn ich finde, im Falle einer Begegnung ist die korrekte dienstliche Ansprache schon lobenswert, besonders in der Landessprache. Nun gut, aus dem Tibetischen übersetzt bedeutet die Jobbezeichnung des aktuellen Dalai-Lamas, Heiliger Herr, sanfter Glanz, beredter Verteidiger des Glaubens, Ozean der Weisheit. Wenn man sich hier so im kulturhistorischen Kontext aufhält, färbt das schon mal etwas auf die eigene Ausdrucksweise ab, wie ich finde.



Da stehen wir nun vor dem riesigen Backs, wie der Westfale es formulieren würde. Ich lasse den Blick über die gewaltigen Dimensionen des Potala-Palastes schweifen und verstehe natürlich nur zu gut, weshalb dieses Bauwerk seit Jahrhunderten zu den großen Wahrzeichen Asiens zählt. Die gewaltige weiß getünchte Festung erhebt sich über der Stadt Lhasa und scheint förmlich aus dem roten Felsen des Marpo Ri, des „Roten Berges“, herauszuwachsen. Seine weißen Mauern steigen terrassenförmig empor, während sich darüber der dunkelrote Mittelbau mit seinen vergoldeten Dächern in den - leider grau verhangenen - Himmel des tibetischen Hochlandes schiebt. Trotz des schlechten Wetters beeindruckt mich dieses Bauwerk unglaublich, da es auf so eindrucksvolle Weise, Macht, Spiritualität und auch bauliche Leichtigkeit verbindet. Wunder über Wunder des Orients! Muss mich aus meinen Gedanken reißen, den Kunchock ist inhaltlich schon bei der klösterlichen Machtpolitik angekommen, denn der Potala war niemals nur ein Palast. Regierungssitz, Kloster, Universität, Meditationsort, Schatzkammer und natürlich weithin sichtbares Symbol der weltlichen wie geistlichen Autorität Tibets. Über drei Jahrhunderte lang wurde von hier aus ein Land regiert, dessen Kultur und Religion bis heute Millionen Menschen prägen. So nebenbei erwähnt, Kunchock spricht im historischen Kontext immer von Früher und von Später, wobei er nur einmal - beiläufig - das Jahr 1959 andeutet, was vermutlich - nur hinter vorgehaltener Hand - den Verlust der tibetischen Unabhängigkeit durch die chinesische Annexion meint. Mit würdiger Stimme beginnt Kunchock die Geschichte dieses altehrwürdigen Bauwerks zu erzählen, die bereits im 7. Jahrhundert beginnt. Der Kerl, der sich für den ersten Bau auf dem Hügelchen verantwortlich zeichnet, heißt Songtsen Gampo und sein Job war König von Tibet zu sein. Der liebe Songtsen G. hat, wenn ich Kunchock richtig verstanden hab, Tibet geeint und genießt deshalb wohl einen spirituellen Rockstarstatus in Tibet. Aha, so so! Er sicherte sich schnell den Bauplatz auf dem Hügelchen, den man hier Marpo Ri nennt und ließ einen ersten Palast errichten. Kunchock berichtet von einer Legende, nach der damals bereits nahezu tausend Räume und Hallen gebaut wurden. Nun ja, wie immer, wenn einer was schafft, kommt irgendein anderer garstiger Vogel vorbei und meint, er müsse was zerstören, jawohl selbst im friedlichen Tibet. So ist durch die üblichen historischen Mord- und Totschlagsszenarien, Erdbeben und Bränden von dieser frühen Anlage nur wenig erhalten. Nun betritt Nr. 5 die tibetische Bühne als Dalai-Lama. Im Jahr 1645 beginnt Nr. 5, der schlicht Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatso gerufen wurde, mit dem Bau des heutigen Potala-Palastes. Dadurch erlangte gut eintausend Jahre später der Palast auf dem Hügelchen seine heutige Gestalt. Unter der Herrschaft von Nr. 5 entwickelte sich Lhasa schließlich zum politischen und religiösen Zentrum Tibets. Unzählige Handwerker, Steinmetze, Zimmerleute, Künstler und Mönche arbeiteten über Jahrzehnte an dem monumentalen Bauwerk.



Kunchock beendet seinen ersten Teil und wir gehen zügig weiter, was meine angeschlagene Physis etwas in Schwitzen bringt. Denn je näher wir dem Potala kommen, umso steiler erheben sich die hohen Mauern und auch Treppen. Gut 120 Höhenmeter sind zu bewältigen, wenn wir in den Palast wollen. Habe Schweißausbrüche im Genick, jetzt schon, und wir sind noch keine einzige Stufe raufgekraxelt. An der ersten Stufe stoppt unsere Geschichtskorifähe und der historische Input geht weiter. Ich muss gestehen, dass ich derartig von diesem Bauwerk ergriffen bin, von seiner Lage auf diesem Berg, seiner Größe und Erhabenheit, und durch diese massigen weißen Flächen, die wie eine visuelle Verbindung zwischen Erde und Himmel fungieren. Wenn Tibet einen Mittelpunkt besitzt, fährt es mir so durch meine beeinträchtigten Gehirnwindungen, dann ist es nicht ein geografischer Mittelpunkt, sondern der spirituelle Gipfel des Marpo Ri, auf dem sich der Potala-Palast erhebt, soviel ist mal sicher! Ich glaube, kein anderes Bauwerk verkörpert die Geschichte Tibets so vollständig. Ich lege eine Hand auf eine der gekälkten weißen Fundamentmauern und gefühlt flüstern die alten Steine von Königen und Mönchen, von Pilgern und Diplomaten, von Kriegen und Friedenszeiten, von tiefem Glauben und weltlicher Macht. Für mich steht fest, dass der Potala das Herz des Landes ist, das sich selbst aufgrund von geografischer - und, was viel wichtiger ist - spiritueller Lage, als das „Dach der Welt“ versteht. Vielleicht bin ich zu romantisch geprägt, aber auf den ersten Blick wirkt der monumentale Palast fast unwirklich. Die gewaltigen weißen Mauern scheinen aus dem Felsen herauszuwachsen. Darüber erhebt sich der dunkelrote Mittelbau, dessen goldene Dächer selbst im vergrauten und trüben Licht des heutigen Regenmorgens weithin sichtbar glänzen. Dennoch empfinde ich es als sehr erstaunlich, dass sich das Bauwerk, trotz seiner monumentalen Ausmaße erstaunlich harmonisch in die Landschaft einfügt. Die Jungs vonne Architekturzunft hatten es echt drauf, wie meine Schüler es formulieren würden. Die tibetischen Baumeister verstanden es, den natürlichen Bergrücken nicht zu überbauen, sondern ihn in das Konzept des Bauwerks einzubeziehen.



Ich steige wieder in Kunchocks Vortrag ein, als er die Etymologie des Wortes Potala erklärt. Der Name „Potala“ kommt aus dem Sanskrit und verweist wohl auf den mythischen Potalaka-Berg, den Wohnsitz des Bodhisattva Avalokiteshvara, des Bodhisattvas des Mitgefühls. Ach der, so so. Weiterhin führt Kunchock aus, dass nach tibetischer Überzeugung die Dalai Lamas als dessen menschliche Manifestationen gelten. Okay, kann ich nicht widerlegen oder historisch bewerten. Ich lasse das als historischen Mythosfakt mal so stehen. Wenn wir jetzt den Potala betreten, besuchen wir daher nicht einfach einen historischen Regierungssitz, sondern einen Ort, der als irdisches Abbild eines heiligen Berges verstanden wird. Aha, Wunder über Wunder des Orients!

Nun kommt der Moment, wo der Elefant das Wasser lässt, wie Annis Vater zu sagen pflegte, und wir betreten die Mordstreppe, die uns 120 Höhenmeter beschert. Naja, exakt sind es eigentlich 117 Höhenmeter, aber die verschrecken meinen körperlichen Zustand ebenfalls. Aber gut, 3 Höhenmeter weniger, sind 3 Höhenmeter weniger! Also los, langsam und stetig. Gleichmäßige Atemzüge und keine wilde Wettrennerei. Ich bin vor Jahrzehnten mal einen Teil der chinesischen Mauer zu schnell aufgestiegen, holla, was soll ich sagen, meine Pumpe hatte aber kurzfristig kollabierende Tendenzen und da war ich 22 Jahre jünger . . .



Aber eigentlich klappt es ganz gut, ich bin zwar aus der Puste, aber langsam und beständig geht es in die Höhe. Ich mache immer wieder Pause und versuche mir immer wieder bewusst zu sein, wo ich gerade stehe. Der Blick über Lhasa ist natürlich außergewöhnlich, doch da Neu-Lhasa fast ausschließlich nur aus Trabantenstädten chinesischen Bauart besteht, ist es gleichzeitig total langweilig. Vis a vis haben die Chinesen einen monumentalen Platz angelegt, auf dem riesige Abbilder von Mao, über Deng, bis hin zu Xi zusehen sind. Hier wird dem Reisenden gleich sofort klar gemacht, wer denn wohl die rechtmäßigen Herrscher Tibets sind.



Auf dem oberen Treppenabsatz machen wir halt. Im kalten Morgenwind wehen schwere, schwarzbraune Wandbehänge, auf denen symmetrisch angeordnet mehrfach der Unendliche Knoten (Endless knot) mit weißem Stoff aufgenäht ist. Dem Symbol des Unendlichen Knotens, die Tibeter nennen ihn Tashi Tagye, begegnet man hier zulande fast ununterbrochen. Natürlich hat er vielerlei Bedeutungen, schließlich sind wir in Asien, da ist nix konkret oder spirituell einfach. Es kann Unendlichkeit bedeuten, denn alles ist ein Teil eines fortwährenden Kreislaufs, nichts endet endgültig. Oder er symbolisiert die Verwobenheit aller Dinge. Alle Lebewesen, Gedanken und Handlungen stehen miteinander in Beziehung. Ursache und Wirkung, Weisheit und Mitgefühl oder Harmonie und Glück . . . Da ist einiges an Interpretationsspielraum, wie ich finde.




Um Atem zu schöpfen, hocke ich mich auf die Stufen vor dem rechten Eingang und lasse die gewollten baulichen Symmetrien und Asymmetrien der Treppenaufgänge auf mich wirken. Was für eine architektonische Meisterleistung dieser Palast doch ist. Und, alles ohne Kräne, Betonpumpen und Lastwagen. Dennoch entstand hier eines der größten Bauwerke Asiens – in einer Höhe von knapp 3.700 Metern über dem Meeresspiegel. Allein der Materialtransport muss eine gewaltige Herausforderung gewesen sein. Kunchock erzählt, dass die Granitblöcke aus den Steinbrüchen rund um Lhasa gewonnen wurden und man sie mit Yakgespannen, Pferden oder von Menschen auf Schlitten und Holzkarren den Berg hinaufzog. Das notwendige hölzerne Dachgebälk, bestehend aus Himalaya-Wacholder oder Zeder, musste mühsam über große Entfernungen herangeschafft werden. Die Mauern wurden nach unten hin bis zu fünf Meter dick ausgeführt und verjüngen sich nach oben leicht, sagt Kumschuck. Diese konische Bauweise erhöht die Stabilität erheblich und schützt das Gebäude vor Erdbeben – ein Prinzip, das moderne Bauingenieure bis heute gewaltigen Respekt abnötigt. Ein weiterer baulicher Kunstgriff ist die leichte Neigung der Außenwände. Sie wirken dadurch nicht nur monumentaler, sondern leiten die enormen Lasten der oberen Geschosse sicher in den Fels des Marpo Ri ab. So entstand ein Bauwerk, das seit Jahrhunderten Wind, Frost, Erdbeben und starken Temperaturschwankungen trotzt. Die dicken Steinmauern erfüllen außerdem auch eine klimatische Funktion. Sie speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts langsam wieder ab. Im kalten Winter bleibt es im Inneren überraschend mild, während die Räume im Sommer angenehm kühl bleiben – ganz ohne moderne Heiz- oder Klimaanlagen. Nicht schlecht fürs 17. Jahrhundert und in dieser Höhe, wie ich finde.



Doch die Zeit drängt und Kunchock scheucht uns ins Innere der Heiligen Hallen. Leider ist das Filmen und Fotografieren in den Innenräumen des Palastes verboten. Wer kann’s den Verwaltern des Potala verdenken. Man denke nur an das Foto- und Filmverhalten der jugendlichen Influencerszene, mit ihren Stativen, kreisrunden Gesichtsbeleuchtungen, inmitten von Menschen, die zum ernsthaften Gebet in den Potala kommen. Denn auch diese Tibeter gibt es noch. Also muss ich dem geneigten Leser, eigene Bilder schuldig bleiben und ein paar Abbildungen aus dem Netz nehmen. Obwohl es dort auch nicht viele gibt. Der Palastkomplex umfasst heute noch gut 1.000 Räume, zahllose Kapellen und Schreine, umfangreiche Bibliotheken sowie unzählige Kunstwerke aus Gold, Silber, Kupfer, Jade und Edelsteinen. Ich bin einfach nur gespannt auf das Innenleben dieser gewaltigen Anlage.



Kunchock führt uns zunächst in den Weißen Palast. Vielleicht muss ich noch kurz ausholen und was zum buddhistischen Farbkonzept des Potala sagen? Stellt sich doch die Frage, warum der größte Teil des Gebäudes weiß ist, während sich der mittlere Komplex tiefrot vom übrigen Bauwerk abhebt? Der Weiße Palast, so Kumschuck, beherbergt die Wohnräume der Dalai Lamas sowie die Verwaltungs- und Regierungsräume. Weiß symbolisiert im tibetischen Buddhismus Reinheit, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Es steht für Klarheit des Geistes und für die Verantwortung, weltliche Angelegenheiten mit Weisheit und Ausgeglichenheit zu führen. Aha, so so! Leuchtet ein. Dabei berichtet Kunchock, dass ausgerechnet der Regierungssitz weiß gestaltet wurde, ist wohl kein Zufall, denn die Botschaft lautet: Die weltliche Macht soll dem Wohl aller Lebewesen dienen und nicht persönlichem Ehrgeiz. Was soll ich sagen, ziemlich ausgebufft, so moralisch halt. Ganz anders wirkt da der Rote Palast. Die Baukörper, die in dunklem Eisenoxydrot gehalten sind, fallen dem Betrachter sofort ins Auge, schon allein des Farbkontrastes wegen. Der Rote Palast bildet den spirituellen Mittelpunkt der gesamten Anlage. Im tibetischen Buddhismus symbolisiert Rot die Kraft des Geistes, erklärt unser Guide, Transformation und tiefes spirituelles Wissen. Es ist die Farbe der Meditation und der inneren Sammlung. Deshalb befinden sich im Roten Palast keine Wohnräume oder Verwaltungsbüros, sondern Tempel, Bibliotheken, Reliquienschreine und die monumentalen Grabstupas der Dalai Lamas. Später beim Rundgang erfahren wir, dass beim Übergang vom Weißen zum Roten Palast sich nicht nur die Architektur verändert, sondern der Besucher durchschreitet symbolisch den Übergang von der äußeren, weltlichen Welt zur inneren, spirituellen Wirklichkeit. Natürlich fehlt in diesem Farbkonzept auch nicht das viele Gold. Denn, mal ehrlich, was wäre ein zünftiger Palast ohne Gold? Über beiden Gebäudeteilen erheben sich vergoldete Dächer des Potala. Gold steht im Buddhismus für Vollkommenheit und Erleuchtung. Es verweist nicht auf weltlichen Reichtum, sondern auf den höchsten geistigen Zustand, den ein Mensch erreichen kann. Laut Kunchock bilden die goldenen Dächer deshalb den höchsten Punkt des gesamten Palastes, architektonisch wie symbolisch. Wer vom Fuß des Berges aufblickt, erlebt unbewusst eine Reise von Weiß über Rot bis hin zum Gold – von der menschlichen Welt zur Erleuchtung. Wunder über Wunder des Orients!



Wir sind auf die Route 1 gebucht. In den Sommermonaten wird der Potala touristenmäßig förmlich belagert. Um diese Ströme zu kanalisieren, gibt es zwei Routen durch das Palastinnere. Unsere Route 1 ist die umfangreichste, wenn ich Kunchock richtig verstanden habe, und vermittelt den vollständigsten Eindruck vom Potala-Palast. Sie führt sowohl durch den Weißen als auch durch große Teile des Roten Palastes. Im Inneren des Weißen Palastes beginnt Kunchock eine Reise mit uns in die politische Geschichte Tibets. Hier befinden sich äußerst dekorierte Räume und Hallen, wie die Wohnräume der Dalai Lamas, Audienzsäle, Verwaltungsräume und Bibliotheken. Jeder westliche Tourist, der den Film 7 Jahre in Tibet gesehen hat, wird sich bewusst, dass in diesen Räumlichkeiten einst



der Bergsteiger und Abenteurer Heinrich Harrer mit dem 14. Dalai-Lama zusammen gesessen hat. Besonders beeindruckend sind die monumentalen Holzsäulen, deren rote Lackierung bis heute erhalten ist. Sie tragen schwere Balkendecken, die vollständig mit floralen Ornamenten und buddhistischen Symbolen bemalt wurden. Zahlreiche Wandgemälde erzählen von Staatsbesuchen, religiösen Zeremonien und der Vereinigung Tibets unter dem 5. Dalai Lama. Die buddhistischen Malereien und Schnitzereien beeindrucken mich, besonders in ihrer intensiven Farbigkeit. Interessanterweise sind die Innenräume kleiner als erwartet und auch das Licht ist ziemlich schummrig. Um das flackernde Licht der riesigen Butterlampen zu unterstützen, hat die Palastverwaltung pro Raum eine nackte LED-Glühbirne in die massigen und verzierten Holzbalken gedrillt, deren kalt-weißes Licht, den Charme eines Pathologiesaales verströmt. Wir sind alle etwas überlagert, keine Frage, denn die räumliche Vielfalt ist im Hinblick auf Kumschucks spirituell-philosophischen Ausführungen und in Anbetracht dieses architektonischen Feuerwerks, eine ganz schöne Packung für mein Gehirn, soviel ist mal sicher!


Über eine kleine Dachterrasse gelangen wir in den Roten Palast. Von der Dachterrasse aus hat man einen weitläufigen Ausblick über Lhasa. Aber der Bereich ist durch zwei uniformierte Sicherheitsleute abgesperrt. Weshalb, kann ich nicht sagen, aber wahrscheinlich hat sich da mal wieder ein Tourist danebenbenommen, wer weiß das schon. Es ist genau die Terrasse, die häufig in 7 Jahre in Tibet eine Rolle spielt. Vielleicht weiß der geneigte Leser, dass das alles nicht in Lhasa gedreht wurde, sondern man Teile des Potala und der alten Stadt Lhasa in Argentinien nachgebaut hat, unter anderem auch das westliche Chörtenstadttor.




Mit dem Betreten des Roten Palastes verändert sich die Stimmung schlagartig. Die Räume werden dunkler, enger und stiller. Statt Verwaltung und Politik stehen nun Spiritualität und Meditation im Mittelpunkt. Über Jahrhunderte haben Pilger an diesen Stellen Butterlampen entzündet und Gebete gesprochen. Das flackernde Licht lässt Goldverzierungen und Wandmalereien lebendig erscheinen. Die Architektur zwingt den Besucher beinahe automatisch dazu, langsamer zu gehen und den Blick auf die kunstvollen Details zu richten. In jedem Raum sitzen Mönche und zählen Geld, meist sind es besagte 1 Yuan Scheine, die die gläubigen Pilger an den unterschiedlichsten Reliquien hinterlassen. Im Potala Palast liegen förmlich überall Geldscheine herum, wirklich, sie liegen herum. Mönche benutzen große Weidenkörbe und klauben die Grünen Scheine zusammen. Irgendwie mutet das für mich total skurril an. Wir befinden uns im Hause des Dalai-Lamas, den der Mann aus seiner Heimat vertrieben hat, der jeden chinesischen Yuan Schein ziert, egal ob 1er, 5er, 10er, 20er, 50er oder 100er, und der dadurch jetzt in jedem Raum des Dalai-Lamas omnipräsent ist. Fragen über Fragen des Orients. Kunchock schiebt uns, strikt auf den Zeitrahmen achtend, zum nächsten Höhepunkt des Rundgangs. Im absoluten Zentrum des Roten Palastes befinden sich die monumentalen Grabstupas mehrerer Dalai Lamas. Krasse Sachen, denn diese „Gräber“ sind



kunsthandwerklich unfassbar beeindruckend. Besonders beeindruckend ist die Grabstupa von Nr. 05. Sie ist vollständig vergoldet und mit Tausenden Türkisen, Korallen und Edelsteinen verziert. Kunchock berichtet, dass für gläubige Tibeter dieser Ort zu den heiligsten Stätten des Landes gehört. Dazu gibt es noch eine süffisante Anekdote, also zum Ableben von Nr. 5: Als der Bau des Potala in vollem Gange war, raffte es Nr. 5 im Jahr 1682 dahin. Sein engster Vertrauter, der Regent Desi Sangye Gyatso, traf eine außergewöhnlich selbstständige Entscheidung, wie ich finde: Er verheimlichte einfach den Tod seines Chefs über viele Jahre hinweg - ziemlich genau 6 Jahre lang! Nach außen ließ er verlauten, Nr. 5 befinde sich in einer langen spirituellen Klausur und hätte das Schild „Bitte nicht stören“ außen an seine Klosterzelle gehängt. Der Regent schien ein ziemlicher Pragmatiker zu sein, oder hatte Anteile an dem Bauunternehmen, dass für den Potalabau zuständig war, wer weiß das schon? Pragmatisch wie klug, vermutlich. Das Bekanntwerden von Nr. 5s Dahinscheiden, hätte wohl den Bau des Potala gefährdet. Die üblichen Zankereien und Rivalitäten zwischen Adelsfamilien oder äußere politische Spannungen hätten das ehrgeizige Projekt leicht zum Stillstand bringen können. Erst als der Palast weitgehend vollendet war, rückte der gute Regent Desi Sangye Gyatso, mit der Wahrheit heraus . . . Ich finde die Story schon ziemlich lässig, so verdankt der Potala Palast seine heutige Gestalt nicht nur dem Glauben und dem handwerklichen Können Tausender Arbeiter, sondern auch einem ungewöhnlichen politischen Geheimnis. Wunder über Wunder des Orients!





Beim Mittagessen schlafe ich fast ein. Bin so müde, dass ich schon kaum der Mittagstischkonversation folgen kann. Der Profibergführer rät zur Aufnahme von Zucker. Also bestelle ich eine Dose Cola, noch eine zum Nachspülen und trotz meiner Appetitlosigkeit zwergel ich mir eine ortsübliche Pilzsuppe rein. Der Rest der Mannschaft frönt intensiv tibetischer Küche. Der Zuckerschock bringt meine Dynamik richtig ans Laufen. Alle schauen mich erstaunt an, wohl selbst gerade ins Momokoma verfallen, als ich mich aufs Äußerste in der mittäglichen Gesprächsrunde engagiere. Also auf zum nächsten Sightseeingspot. Alle schütteln den Kopf und unser Mitreisender Uwe E., aus B. (Nach Datenschutzrückfrage meinerseits, möchte er in den Texten so verklausuliert werden!) sagt nur, „Gib dem Kind kein Cola“! Frisch gedopt schreite ich kraftvoll neben unserem Guide Kumschuck aus, zur nächsten Attraktion. Wenn der geneigte Leser jetzt glaubt, mit dem Potala Palast wären wir für heute durch, der irrt gewaltig. Wie gesagt, Kunchock kennt kulturell keine Gnade, soviel ist mal sicher.



Natürlich hat sich die Sonne inzwischen überlegt hervor zu kommen und brennt erbarmungslos auf Alt-Lhasa nieder. Nicht dass meine allgemeine Erschöpfung vielleicht schon ausreicht, nun kommt noch hinzu, dass wir in unseren hyperfunktionalen Hardshell-Jacken schwitzen, wie ein Kamel am Äquator, was soll ich sagen? Irgendwo habe ich gelesen, wer Lhasa nur vom Potala-Palast her kennt, kennt die Stadt eigentlich erst zur Hälfte. Der Potala ist selbstredend das große Symbol tibetischer Geschichte, ein Monument weltlicher und geistlicher Macht, weithin sichtbar und geradezu dafür geschaffen, Reisende in ehrfürchtiges Schweigen zu versetzen. Der Jokhang Tempeln dagegen liegt mitten im prallen Leben, wie man es im Pott formuliert. Er erhebt sich nicht über der Stadt, sondern sitzt quasi in ihrer Seele – umgeben vom sogenannten Barkhor, von Pilgern, Händlern, Gebetsmühlen, Butterlampen, Wacholderrauch und einem beständigen Strom von Menschen. Altlhasa ist gerammelt voll, aber so richtig! Den Jokhang kann man nicht einfach so besichtigen. Zwischen all den Menschenmassen, die sich hier tummeln, gerät vielmehr durch einen buddhistischen Multikultisog ihn hinein. Der Johkang ist Tibets beliebtester Tempel schreibt unserer Reiseführer und das Gewusel stellt fast sogar die Altstadt von Varanasi in den Schatten. Vor dem Eingang








werfen sich Pilger der Länge nach auf den Boden, stehen wieder auf, machen drei Schritte und beginnen von vorn. Alte Frauen drehen Gebetsmühlen. Mönche verschwinden hinter schweren Türen. Händler bieten Gebetsketten, Butterlampen, Thangkas und allerlei Dinge an, die das Bleichgesicht für „typisch tibetisch“ hält und der Tibeter möglicherweise schlicht weg als nützlich erachtet. In diesem spirituellen Biotop bewegen wir uns, leicht überfordert und zunehmend begreifend, dass dieser Ort wohl Tibets spirituelles Highlight ist, auf den Eingang für Gruppenreisende zu. Kunchock ist gestresst, keine Frage, denn immer wieder hat er das Gefühl, dass er seine Schäfchen im Gewühl der buddhistisch-euphorischen Vielvölkermeute zu verlieren droht.

Die drückende und schiebende Meute erleuchtet mich heute zur vielleicht wichtigsten Erkenntnis überhaupt: Der Jokhang ist bis heute ein lebendiges Heiligtum. Aha, so so! Mühsam beginnt Kunchock, immer wieder von den sich vorbeidrängenden Massen beeinträchtigt, mit seinen Sightseeingausführungen. Dieser Tempel gilt als der am höchsten verehrte Tempel Lhasas und für viele tibetische Buddhisten als das zentrale Heiligtum Tibets. Das Project Himalayan Art bezeichnet ihn ausdrücklich als den wohl bedeutendsten Tempel der Stadt und betont, dass sich die städtebauliche Entwicklung Lhasas seit mehr als einem Jahrtausend um ihn herum vollzogen hat. Der Tempelkomplex umfasst rund 2,5 Hektar und verbindet tibetische Bauformen mit Einflüssen aus Indien, Nepal und China. Inzwischen habe ich von Kunchock gelernt, dass die indischen Einflüsse auf die Baukunst, Religion und das Leben in Tibet ziemlich groß sind.






Die Geschichte des Jokhang führt, laut Kunchock zurück in das 7. Jahrhundert, in die Regierungszeit König Songtsen Gampos, des Herrschers, unter dem Tibet zu einem mächtigen und geeinten zentralasiatischen Reich aufstieg. Wem das jetzt spanisch vorkommt, der müsste noch einmal hochscrollen und den Potala-Abschnitt lesen, so am Rande erwähnt . . . Wie immer, wenn etwas historisch so verstaubt ist, weiß man nichts genaues gar nicht. Heißt soviel wie, die Gelehrten sind sich nicht einig . . .

Also Kunchock meint, dass der Tempel ungefähr zwischen 620 und 640 entstand. Aha, so so, mir scheint, die Quellenlage zur unmittelbaren Gründungsgeschichte ist nicht eindeutig: Einige Historiker schreiben Songtsen Gampo selbst die Initiative zu, andere seiner nepalesischen Gemahlin Bhrikuti Devi, ach der? Nichts genaues weiß man nicht, wie mir scheint. Ursprünglich hieß der Backs hochtrabend Rasa Trulnang Tsuklakhang. Erst später setzte sich der Name „Jokhang“ durch, wobei „Jokhang“ vereinfacht etwa „Haus des Jowo“ bedeutet. Aha, so so. Womit noch nicht genau die Frage geklärt ist, wer denn „Jowo“ ist. Ein tibetischer Prinz, ein erleuchtetes Lama oder einfach nur ein Buchmacher aus Altlhasa, der auf Yakrennen-Wetten spezialisiert war . . . Fragen über Fragen des Orients.






Von außen wirkt der Jokhang zunächst erstaunlich kompakt, wie ich finde. Wer vom Barkhor auf den Haupteingang zuläuft, erwartet nach der religiösen Bedeutung des Ortes vielleicht etwas Monumentales wie den Potala. Dem ist nicht so, stattdessen sieht man ein gewachsenes Gebäudeensemble aus Stein, Holz, Innenhöfen, Kapellen, Galerien und vergoldeten Dachaufbauten. Der älteste Kern besitzt einen relativ klaren quadratischen Grundriss. Um das zentrale Heiligtum gruppieren sich Kapellen und Umgänge. Spätere Erweiterungen legten sich über Jahrhunderte hinweg um diesen Kern. Nach dem Eingang schleppt Kunchock seine Schäfchen ins Innere und parkt uns in einem großen Innenhof. Schon hier verändert sich die Atmosphäre.










Der Lärm des Barkhor bleibt zurück. Dunkel bemalte Holzbalken, Säulen und Galerien umgeben den Hof. Darüber erscheinen die goldfarbenen Dachaufbauten. Staunend stehen wir mitten im Gewühl und lassen dies wuselige Szenerie des Innenhofes auf uns wirken. Der Hof spielte bei religiösen Festen und Mönchsversammlungen eine wichtige Rolle, denn von hier aus führen verschiedene Zugänge tiefer in den Tempel.

Und mit jedem Schritt wird es dunkler, was charakteristisch für viele alte tibetische Kloster- und Tempelbauten ist. Große Fensterflächen, die bspw. einem gotischen Kirchenraum Licht geben würden, fehlen hier gänzlich. Die Räume werden durch kleine Öffnungen und durch Butterlampen beleuchtet.

Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die man schwer beschreiben kann: Goldene Statuen tauchen plötzlich aus der Dunkelheit auf, Wandmalereien verschwinden wieder im Halbschatten, und irgendwo hört man das leise Murmeln von Gebeten.








Im innersten Heiligtum zeigt uns Kunchock die Statue des Jowo Shakyamuni. Sie stellt den historischen Buddha als jungen Mann dar und gilt als eines der am höchsten verehrten Kultbilder des gesamten tibetischen Buddhismus. Natürlich macht das die Sache klarer, keine Frage. Da es im Innern Hunderte von Figuren von erleuchteten Herren gibt, verliere ich schon frühzeitig den Überblick über die Erleuchtung, was auch an meiner kruzfristig eingetretenen Atemnot liegen kann. Das hat im schummrigen Innern des Johkang nichts mit der Höhe zu tun, sondern mit den schwer-ranzigen Duftschwaden der allenorts abflämmenden Yakbutter zu tun.

Je näher man dem innersten Heiligtum kommt, desto dichter wird die Menge. Eine portugisische Ölsardine hat in ihrer belchernden Dose mehr Platz, als hier im Johkang die Besucher, Pilger und Gläubigen. Traditionell gekleidete Tibeter tragen Butter für die Lampen, Geldscheine oder weiße Khatas als Opfergaben. Viele berühren mit der Stirn Schwellen, Säulen oder Gebetsgegenstände. Manche haben Hunderte oder Tausende Kilometer aus entfernten Provinzen zurückgelegt, um nur für wenige Sekunden vor dieser Statue stehen zu können.

Rund um das zentrale Heiligtum befinden sich zahlreiche kleinere Kapellen.

Hier begegnet man dem gesamten Pantheon des tibetischen Buddhismus: historischen Buddhas, Bodhisattvas, Lehrern, Schutzgottheiten und bedeutenden Persönlichkeiten der tibetischen Geschichte.

Besonders wichtig ist Avalokiteshvara, tibetisch Chenrezig, der Bodhisattva des Mitgefühls. Er besitzt in Tibet herausragende Bedeutung, nicht zuletzt deshalb, weil die Dalai Lamas traditionell als seine Manifestationen gelten. Aha, so so. Andere Kapellen sind historischen Herrschern und buddhistischen Meistern gewidmet.

Für micht ist das alles faszinierend in seiner spirituelle Ästhetik, doch da mir profunde Kenntnisse des tibetischen Buddhismus gänzlich fehlen, werden Kunchocks Ausführungen ziemlich verwirrend, zusätzlich zu meinen ohnen ohnehin starken Kopfschmerzen. Nach dem dritten goldenen Buddha glaube ich noch, den Überblick zu haben. Kein Ding für den King, wie meine Schüler zu sagen pflegen. Nach dem zwölften Buddha werde ich vorsichtiger. Keine 10 Minuten später muss ich schlichtweg akzeptieren, dass 1.300 Jahre tibetischer Spiritualgeschichte offenbar nicht dafür geschaffen sind, sich binnen weniger Stunden vollständig von meinem Gehirn internalisiert zu werden . . .

Es ist so voll, dass wir ein wenig flüchten, was schade ist, denn das Bauwerk ist wunderschön und ohne die Menschenmassen, wäre dieser Ort aufgrund seines Alters und seiner Funktion sicherlich einer der mystischen und magischten Orte Tibets. Bonne nuit, folks!








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