top of page

Der Weg der weissen Wolken . . .

  • Autorenbild: Ingo
    Ingo
  • vor 3 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Depesche 01 - 21./22. Juli 2026

Frankfurt - Peking - Lhasa

3650 Meter über NN





Tibet, nun sind wir in Tibet. Ziemlich am Ende unserer Kräfte. Kein Wunder nach 25 Stunden Anreise. Wenn ich darüber nachdenke, kommt mir unsere Anreise nach Tokyo mit seinen 13 Stunden Flug wie ein angenehmer Morgenspaziergang vor. Nun ja, wenn ich meine Mitreisenden so anschaue, sehen die blutunterlaufenden Augen nicht nach einem taufrischen Morgensparziergang aus. So gar nicht! 25 Stunden! Gut, 25 Stunden sind wir jetzt nun nicht durchgehend geflogen. Ehrlicherweise hat die Anreise nur 24 Stunden und 20 Minuten gedauert. Aber ich dachte, dass der ein oder andere Leser, das jetzt nicht so genau nimmt. Oder nach einer durchzechten Nacht das eh nicht so wichtig ist. Hier ein paar statistische Eckdaten, die die Leidensgeschichte unserer blutunterlaufenden Augen dokumentiert:



Reine Flugzeit


Frankfurt → Peking


* Abflug Frankfurt: 14:15 Uhr

* Das entspricht in Peking bereits 20:15 Uhr.

* Ankunft Peking: am Folgetag 6:50 Uhr


Flugzeit: 10 Stunden 35 Minuten


Peking → Lhasa


* Abflug: 12:55 Uhr

* Ankunft: 17:20 Uhr


Flugzeit: 4 Stunden 25 Minuten


Gesamte Flugzeit


10 Stunden 35 Minuten + 4 Stunden 25 Minuten = genau 15 Stunden Flugzeit


Wartezeit


Vor dem Abflug in Frankfurt


* Einchecken: 11:00 Uhr

* Abflug: 14:15 Uhr


Wartezeit: 3 Stunden 15 Minuten


Umsteigezeit in Peking


* Ankunft: 6:50 Uhr

* Weiterflug: 12:55 Uhr


Wartezeit: 6 Stunden 5 Minuten


Gesamte Wartezeit


3 Stunden 15 Minuten + 6 Stunden 5 Minuten = 9 Stunden 20 Minuten


Gesamte Reisezeit ab Einchecken


Vom Einchecken um 11:00 Uhr in Frankfurt bis zur Ankunft am Folgetag um 17:20 Uhr chinesischer Zeit vergehen real:


24 Stunden 20 Minuten


Davon entfallen:


* 15 Stunden auf das Fliegen

* 9 Stunden 20 Minuten auf Einchecken und Umsteigen



So, der geneigte Leser sieht an der präzise ausgearbeiteten Statistik, das die blutunterlaufenden Augen kein Luxus sind, sondern hart erarbeitetes Reiseergebnis! Was soll ich sagen, Reisender gehst du nach Lhasa, so bist du lange unterwegs!

Da stehen wir nun, mein Vater hätte unseren Gesichtsausdruck mit „Kleindöövi mit Plüschohren“ umschrieben, verbeugen uns roboterartig und bekommen einen weißen Seidenschal umgelegt. Wir werden jeder von unserem Guide Kunchok persönlich und aufs herzlichste mit einem Khata, jenem weißen Seidenschal, begrüßt. Irgendwo habe ich mal gelesen, das der Khata das wichtigste Symbol tibetischer Gastfreundschaft ist. Aha, so so.



Ich bin müde! Schlafwandle förmlich zu unserem Tourbulli, der sich als ziemlich luxuriöses Reisevehikel entpuppt. Ich bin ziemlich müde! Kaum hänge ich in meinen Luxussessel, geht die Fahrt los - Ziel: Lhasa, historische Hauptstadt Tibets, heute Verwaltungshauptstadt der TAR, der Autonomen Region Tibet, chinesisches Hoheitsgebiet. Die Chinesen nennen Tibet übrigens offizielle, Xizang Autonomous Region. Warum das so ist, werkläre ich ein anderes Mal, denn ich bin einfach müde. Fahrzeit nach Lhasa - 60 Minuten . . . Ich bin sehr müde! Der geneigte Leser kennt das schon, ich greife vor. Bis zu diesem Moment, wo ich gemütlich in einem Blau-Orange-Kunstleder bezogenen Altherrensessel rumlungere und dem Zentrum tiefster Spiritualität, spannenden Kulturmixes und natürlich meinem westlich geprägten Bild einer historischen Metropole näher komme, war etliches an Vorlauf notwendig. So schmiege ich mich für einen kurzen erholsamen Moment in Morpheus Arme und lasse meinen Gedanken freien Lauf . . .



Wo beginne ich meine Reisedepeschen über Tibet. Vielleicht sollte ich mit ein paar Zeilen beginnen, die ich im Buch "Der Weg der weißen Wolken" las und die mich irgendgendwie tief berührt haben:


Tibet war zum Symbol alles dessen geworden, was der heutigen Menschheit verlorengegangen ist und was ihr auf immer zu entschwinden droht, obwohl sie sich zutiefst danach sehnt: Die Sicherheit und Stabilität einer Tradition, die ihre Wurzeln nicht nur in einer historischen oder kulturellen Vergangenheit hat, sondern im innersten Wesen des Menschen, in dessen Tiefe diese Vergangenheit als ein ewig gegenwärtiger Quell geistiger Schöpferkraft verborgen liegt. (Lama Anagarika Govinda; Der Weg der weißen Wolken, Aquamarin Verlag GmbH; 2. Auflage; 2022; Seite 13, Zeile 2ff)


Es ist schwer die Gedankenflut zu beschreiben, die mir beim Lesen dieser Zeilen durch den Kopf gehen. Ich glaube für mich ist der Kern dieser Worte einfach darin begründet, dass der AutorTibet nicht einfach als einen Ort beschreibt, sondern als eine Sehnsucht. Als Sehnsucht nach etwas, das wir in unserer modernen, immer schnelleren Welt vielleicht verloren haben: nach Beständigkeit, nach innerer Ruhe und nach dem Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer und älter ist als wir selbst. Für mich war Tibet immer ein Teil meines Lebens, denn

irgendwie begleitet es mich schon mein ganzes Leben. Hört sich schräg an, ich weiß, aber der bereits vielfach erwähnte professorale Archäologengroßonkel hat mich schon in der Blütezeit meiner jugendlichen Beeinflussbarkeit für den AIDA-Urlaub versaut. Der geneigte Leser möge mir diese harten Worte verzeihen, denn ich akzeptiere, dass jeder Werktätige die Erholung buche, die er benötigt. Doch ich war immer ein Opfer seiner Reiseerzählungen, die sich natürlich immer im vorderen oder hinteren Orient zutrugen. Zu einem gemeinsamen Abendessen brachte er mir mal eine Dose Belugakaviar und ein mongolisches Sitztuch mit, was natürlich der Auftakt zu unglaublich spannenden Reiseberichten war. Tja, so bin ich im Kopf zu vielerlei Reisezielen gekommen, unter anderem auch zu Tibet. Wenn der geneigte Leser jetzt annimmt ich hätte seit meinem 12. oder 13. Lebensjahr dies Reise vorbereitet, den muss ich enttäuschen. Aber, der Wunsch einmal in meinem Leben vor dem Potala-Palast in Lhasa zu stehen, schlummerte schon lange in dem Teil meines Gehirns, das für Reisen zuständig ist.



Nachdem wir in unserem Sabbathjahr nun keinen Abstecher nach Lhasa organisieren konnten, trat der Potala-Palast wieder etwas in den Hintergrund. Nicht, dass wir nicht einen Trip hätten planen können, doch da Tibet heute ein Teil Chinas ist, ist der Individualreisende einfach limitiert. Bedeutet einfach: Geführte Gruppenreise oder einmal kein Potala-Palast! In 2025 beging unser Freund Richard, seines Zeichens internationaler Bergführer, die Kailash-Kora, die laufenden Umrundung des heiligen Berges der Buddhisten. So reifte der Gedanke seiner Gattin Vera, die bereits vor 22 Jahren Tibet bereist hatte, ebenfalls eine Kora in diesem Jahr zu unternehmen. Der Gedanke einer Gruppenreise wurde so geboren. Damit der geneigte Leser meine Ausführlichkeit an dieser Stelle versteht - meine letzte Gruppenreise war 1992 in die USA - und seitdem hat es auch nichts gegeben, was mich dazu hätte verleiten können, mich erneut einer Reisegruppe anschließenden zu müssen, außer vielleicht bei einer geführten Safari in Ostafrika oder Indien. So waren wir nun zu viert, gruppentechnisch eine 2/3 Situation, denn für vier Personen ist der Gruppenstatus etwas fragil. Dann stießen noch Schweizer Freunde von Richard und Vera dazu und wir waren derer Sechs. Eine Gruppe! Der Rest ist schell erzählt. Richard buchte erneut ein Programm, Flüge eruierte tatsächlich ein Reisebüro, das bessere Konditionen lieferte, als alle KI-Superprogramme und Reiseinfluencer-Spartips und Tibet wurde real. Potala-Palast, jede Menge Klöster, Mount Everest, Steppen, Berg umrunden, heilige Seen und die schneebedeckte Gipfel des hohen Himalayas und des tibetischen Transhimalayas.

Was soll ich sagen, das um den Berg latschen ist jetzt nicht so meins, aber bei einer Gruppenreise heißt es ja sprichwörtlich „mitgegangen ist mitgehangen“. Aber natürlich gibt es da ein Haar in der Nudelsuppe - und das heißt so schön neumodisch „Altitude“ oder in schnödem Hochdeutsch: Höhe! Was soll ich sagen, ich bin ja nun ein Flachlandtiroler und komme aus einer kleinen westfälischen Metropole, deren höchste Erhebung 63 Meter beträgt. Tibet ist das am höchsten gelegene Land der Welt und schon Lhasa liegt auf knapp 3700 Metern. Die Reisetour geht auf über 5000 Meter Höhe und ganz ehrlich, ich weiß nicht ob ich allein die Höhe von Lhasa aushalte. Nun gibt es auch noch die lustige Begebenheit, dass man „Höhe“ nicht oder kaum trainieren kann. Man kann „Höhe“ oder man kann sie nicht. Wir werden sehen. Wie immer auf Reisen lasse ich Unwägbarkeiten auf mich zu kommen. In unserem Sabbathjahr waren wir in Nepal schon einmal kurzzeitig auf 4000 Meter Höhe und das ging auch ganz gut . . .



Der Flug von Frankfurt nach Peking ist ziemlich ereignislos, mehr so in medialer Hinsicht. Irgendwie hatte ich gedacht, dass es gutes Filmprogramm für den langen Flug gibt. Doch China Air hat mich nicht so richtig als Zielgruppe in ihrer Marketingstrategie, soviel ist mal sicher. Wer auf chinesische Filme steht, dem eröffnen sich hier ganz andere Perspektiven. Also, so thematisch und sprachlich. Die üblichen Haudrauf-Action-Epen, mit triefender Romantik und klarer politischer Botschaft. Die wenigen amerikanischen Produktionen sind politisch neutral und mindestens 5-10 Jahre alt. Der Flug geht über Russland und im Vergleich zu meinen vergangenen 20 Flugjahren, ist dieser ziemlich ruppig. Nichts schlimmes, aber halt ruppig. Aufgrund mangelnden Entertainmentprogramms schließe ich die Augen und verschlafe 2/3 der Flugzeit. Nehme quasi nur an wenig sozialer Interaktion der Flugbegleiterinnen teil. „Beef or chicken“, lautet der einzige Kommunikationsanlaß. Geschmacksmäßig kaum Unterschied, eigentlich nur in Konsistenz und Farbe einer Frage würdig. Mit dem Morgengrauen landen wir in Peking International, der seit meiner letzten China-Reise gewaltig gewachsen ist. Wir irren ein wenig durch die langen Flure, denn - man höre und staune - unsere Tibet-Sondergenehmigung bekommen wir in der Ankunftshalle. Richard kennt das schon, war bei seiner vergangenen Tour auch schon so. Also durch die gesamte Immigration durch, in der Arrivalhalle die Sonderpässe in Empfang genommen und mit dem Aufzug eine Etage hoch zur Abflughalle. Die Abflughalle hat sich natürlich auch entwickelt und erinnert an jenen Typ globalen Glitzerkonsumtempels, der gleichermaßen in Bangkok, Tokyo oder Kuala Lumpur zu finden ist. Wieder durch die Sicherheitsschleuse, die nun intensiver wird, da wir ja in die Xizang Autonoumous Region fliegen, wie China offiziell Tibet bezeichnet. Dann heißt es warten, warten, warten . . . Irgendwann liegen wir alle längs auf den Liegen und schnorcheln . . .

Tibet liegt weitgehend unter einer Wolkendecke, sodass uns nur wenige freie Blicke auf verschneite Gipfel und Gletscher vergönnt sind. Die kleine Passagiermaschine gleitet durch ein Tal und nimmt Kurs auf Lhasa Gonggar International Airport. Äh, nein, meinte Lhasa Gonggar International Airport, Zizang, wie es offiziell heißt. Willkommen in Tibet!



Der komfortable Van des Reiseveranstalters Tibet Vista, gleitet wie ein silberner Hai über die neuwertige Schnellstraße, die den Flughafen mit der Hauptstadt Lhasa verbindet. Sie führt durch ein Tal entlang des Lhasa Rivers. An der Stadtgrenze wird sofort klar, dass Lhasa kein verschlafenes Nest auf einer Hochebene am Rande der Welt ist, sondern eine moderne chinesische Großstadt. Weitläufige Hochhausblocks säumen die Vororte, große Parks im chinesischen Stil, mehrspurige Straßen und verstopfenden Autoverkehr, der aber so geordnet ist, dass man vergisst in Asien zu sein. An der Nr. 3 Ba Bridge biegt unser Fahrer links ab, wir überqueren den Lhasa River im goldenen Abendlicht, das einem großen Riesenrad einen warmen Teint beschert. Unser Hotel liegt gut 2 km vom alten Stadtkern Lhasas entfernt und entpuppt sich als ein typisch chinesisches Businesshotel, mit einer monströsen Eingangshalle. In die Jahre gekommen, aber immerhin funktional. Ich will nur noch ins Bett, keinen Gang durch die Gemeinde mehr, im Bettchen und die blutunterlaufenden Augen schließen. Bonne nuit, folks!



bottom of page