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James Bond lebt in Udaipur . . .

  • Autorenbild: Ingo
    Ingo
  • 15. Aug. 2018
  • 8 Min. Lesezeit

Depesche 14 - Udaipur - 2018



In Udaipur haben wir via booking ein Zimmer im Jaiwana Haveli gebucht. Nun ja, den Begriff Superior Executive Suite nehme ich in Indien für gewöhnlich nicht so wörtlich und vermute eher eine Besenkammer mit orientalischer Schlüssellochtür. Hier werden wir jedoch unglaublich überrascht, denn die Superior Executive Suite ist tatsächlich genau das, was wir beim Buchen auf dem Bild zu sehen bekommen haben. In einer riesigen Suite steht ein dunkles schlichtes Holzbett, typische Rajasthanimöbel laden zum Sitzen ein und in den weiß getünchten Wänden sind etliche Nischen eingelassen, die Nachtisch und Regale ersetzen. Die Nischen in den Außenwänden sind mit roten, grünen und gelben Glasfliesen versehen, sodass das einfallende Sonnenlicht farbige Lichtflecken auf Wände und Fußboden zaubern. Eine große begehbare Dusche lädt zum Frischmachen ein... Zwei Übernachtungen mit Frühstück für 57 Euro, ich liebe Indien.




Indian Railway bietet viel, aber die Waschräume sind, sagen wir mal vorsichtig, optimierungsbedürftig. Be- vor hier der falsche Eindruck entsteht, dass die sanitären Anlagen nicht gepflegt würden, dem muss ich deutlich widersprechen. In der Regel haben Schnellzüge ca. 10-20 Minuten Aufenthalt an den großen Bahnhöfen, also so alle 500Km. Während dieser Aufenthalten schwärmt ein Heer blaugewandeter Reinigungsmitarbeiter bewaffnet mit Hochdruckreiniger, Wischer und Abzieher(!), in die Waggons und beginnt mit dem großflächigen Toilettenreinigen. Dabei wird von einem Vorarbeiter/Vorarbeiterin (man höre und staune - eine Frau) anschließend liebevoll der Reinigungsakt mit der Handykamera dokumentiert. Mache ich zuhause übrigens genauso, nachdem die Hausverwaltung mir Nach- lässigkeit beim Kellerfegen vorwerfen wollte. Tja, wer direkt nach einem zünftigen Februarsturm die Kellertreppe kontrolliert, .... wie soll ich sagen, der Videobeweis ließ die Hygienebeauftragte meines Vermieters verstummen...

   Was in Münster funktioniert, sollte wohl auch auf Bahnhöfen in Indien gehen. In indischen Zügen ist übrigens der Hebel für die Toilettenspülung aus derart massivem V2A-Stahl, dass das Bleichgesicht als solches es nicht fertig bringt, ihn abzureißen. Wunder über Wunder des Orients.



   Dennoch ist die Dusche in Jaiwana Haweli einfach angenehmer. Von der Dachterrasse hat man einen unglaublichen Blick auf den Seepalast. Aber Eins nach dem Anderen. Udaipur liegt auf einem kleinen, sehr felsigen Höhenzug. Höhenzug ist vielleicht übertrieben, sagen wir mal eine Erhöhung. Auf dem Grad hat sich ein Maharadscha nach dem Anderen durch immer großzügigere Palastbauten hervorgetan. An den abfallenden Sei-ten der Erhöhung haben sich die Plebejer angesiedelt. Irgendwann war einem der Palastbesitzer das Klima zu drückend - ich kann ihn echt verstehen - und er ließ eine waagerechte Fläche am Fuße der Erhöhung fluten und so einen künstlichen See anlegen. Natürlich nicht ohne vorher einen unglaublichen weißen Marmorpalast in der Mitte zu bauen, den sogenannten Seepalast. Jetzt kommen die indischen Tourismusschaffenden ins Spiel: Die Häuser, die auf der „richtigen“ Seite des Hangs liegen, haben Blick auf den Seepalast, die andere Seite schaut auf den Bahnhof,



tourismustechnisch also in die Röhre. Der Seepalast beherbergt heute das Kempinski und die durchschnittliche Übernachtung wird mit 1500 US$ gehandelt. Selbst das Übersetzen, um einen Kaffee zu trinken ist verboten, spätestens seit den Anschlägen von 2008 auf das Hotel Taj Mahal Palace in Bombay. Aber gut, wir gehen zum Greengrass Coffeehouse, wo ein wirklich exzellenter Milchkaffee angeboten wird. Das Café wirbt damit, dass sie den Kaffee mit Trinkwasser aus Flaschen aufbrühen. Dementsprechend ist der Laden voll mit Bleichgesichtern, unter anderem treffen wir da Ofry aus Tel Aviv wieder. Wir haben keinen Blick auf den Seepalast, aber dafür auf eine Reinigung, vor deren schnuckeliger blassblauer Fassade einige Kühe und Hunde rumlungern. Dazu kommt eine kleine, aber sehr lebhafte Kreuzung, auf der das pralle Leben tobt. Seepaläste werden definitiv überbewertet und darüber hinaus, wie sagt mein Autohändler immer, wenn man drinnen sitzt, sieht man die hässlichen Felgen nicht. Also, was nützt es im Seepalast Kaffee zu trinken, wenn man drinnen sitzt und ihn nicht sieht.....





    In Udaipur wurde seinerzeit der James Bond Octopussy mit Roger Moore gedreht. Davon zehrt Udaipur streckenweise immer noch, denn manches Hotel zeigt diesen Streifen wöchentlich, manches täglich.... Der Stadtkern ist eigentlich relativ klein, dass heißt, der Teil mit der richtigen Hanglage. Auf diesen wenigen Straßenzügen wurden ganze Verfolgungsjagden gedreht, die mich bei näherem Hinschauen gar nicht so beeindrucken, in Delhi ist jede Taxifahrt nervenaufreibender als ein Bond-Abenteuer. So gibt es ca. 27 verschiedene Kame- raeinstellungen, die alle auf 200 Metern vor dem Maharadschapalast und dem Hindutempel entstanden sind. Heute säumen diese Straße die Basisgewerke der indischen Tourismusindustrie: Leder, Tücher, Kupferwaren, Antiquitäten und Blumen für den Tempel. Interessanterweise werden hier die gleichen Waren angeboten, „originally produced in Udaipur“, die in Jaipur als „manufactured in the pink city“ verbimmelt werden. Toll, mit welcher Präzision das indische Handwerk es schafft identische Arbeitsprodukte herzustellen ohne, den Arbeitsprozess einer anderen Stadt zu kennen. Bewundernswert, nein wirklich! Mit starrem Blick, bloß kein Interesse - auch kein zufälliges - signalisieren, versuchen wir unauffällig an den dargebotenen Produkten vorbeizukommen. Die Hyänen beäugen uns und unsere demonstrierte Warengleichgültigkeit mit Argusaugen, jederzeit bereit verkaufstechnisch zuzubeißen. Wir schaffen die 200 Meter bis zum Palasteingang lässig. Auf den letzten Metern werden wir sogar leichtsinnig und lassen vorsichtig den Blick schweifen. Die Straße steigt leicht an und die Dichte der Läden nimmt ab, sodass wir uns entspannen und einer neuen Hyänenrotte in die Hände fallen - den Museumsguides. Die herumlungernde Ansammlung indischer Männer haben wir leichtsinnigerweise keine Beachtung geschenkt, was für ein grober Fehler. Aber verzeihlich, denn, in Indien lungern immer irgendwo Ansammlungen von Männern rum, so total zweckfrei. Tja - reingefallen! Kurz hinter dem Ticketschalter fallen sie über uns her, gnadenlos. Komme mir vor wie Napoleon bei Waterloo, verstricke mich in verbale Rückzugsgefechte, werde von der Flanke her angegriffen und versuche verzweifelt mich an Strategien von Sun Tsu zu erinnern. Ein Argument der Meute hat mich wirklich beeindruckt. Während alle an unser Gewissen und unsere Unwissenheit appellierten, meinte einer der selbsternannten Kulturerleuchteten, „Ohne Guide verpasst ihr das Beste!“. Diese Argumentation hat mich kurzfristig nachdenklich werden lassen. Was wohl das Beste von Udaipur ist, frage ich mich im Stillen.





   Wir retten uns hinter einen Kakhiuniformierten mit großem gezwirbelten Schnauz und der musealen Demarkationslinie, die, wie ein mittelalterlicher Bannkreis, die diskutierfreudigen Wissensvermittler zurückschre- cken lassen.

   Vor gut 400 Jahren hat irgendein Maharadscha den Ort für gut befunden und ein Eigenheim in Auftrag gegeben. Zugegeben, es ist geringfügig weitläufiger als das handelsübliche Eigenheim des Durchschnittsinders. Vielleicht sollte ich besser sagen, des Durchschnittsmaharadschas. Denn Mitglieder dieser exklusiven Be- völkerungsschicht gibt es noch häufiger als man es gemein hin glauben wollte. Den Maharadscha von Jaipur kann ich nur bemitleiden, lebt er ja bekanntlich nur noch in einem eher bescheidenen Teil seines Hauses. Hier ist konsequentes Mitleid angesagt, da er nur noch 80 Zimmer zur Verfügung hat und vermutlich muss er sich die 15 Rolls Royce Limos mit den Rajeefs „vonne Ecke“ teilen. Ich bin schockiert wie er leidet und dass, obwohl er sich bei vielen Poloturnieren hervorragend geschlagen hat. Dieses Schicksal teilt er übrigens mit dem M. von Jodhpur, aber dazu später mehr.




   Um einen großen flachen Felsen wurde der erste Teil herumgebaut, schön verziert-verschnörkelt, sodass die Hochbarockkirche Vierzehnheiligen in Bayern wie ein evangelischer Nachkriegsbau daherkommt. Geschickterweise hat der Architekt auf den flachen Fels einen riesigen Dachgarten mit Atrium, Wasserbecken und üppigen Baumbewuchs angelegt. Für den - zugegeben kniepigen guidelosen Westfalen - erschließt sich diese architektonische Besonderheit nicht direkt. Im Gegenteil, lange diskutieren wir die Frage, welches Gewölbe wohl dieses Gewicht in der 1. Etage tragen kann. Wegen des fehlenden Fremdenführers lesen wir natürlich jede Museumsinformation aufmerksamst, um nicht das Beste zu verpassen. Ich für meinen Teil denke, dass Beste ist der 300 Jahre alte Whirlpool. Diese alte Badewanne fasst wohl gut drei wohlgenährte Maharadschas oder 24 hauseigene Palastdamen. Den historischen Abbildungen, die die Wände der kulturgeschwängerten Immobilie zieren, entnehmen wir, dass der normale Durchschnittsmaharadscha immer breiter als hoch dimensioniert war. Nicht zuletzt die niedrigen Türen belegen unsere kühne wissenschaftliche These. Aber - die meisten Gänge sind so schmal, dass sie nur für die fürstlichen Palastdamen ge-baut gewesen sein können. Zwei mögliche Erklärungen drängen sich uns auf, erstens haben die Damen nicht genug zu Essen gehabt oder der Maharadscha traute sich eh nicht in die weibliche Schlangengrube seiner 24 Gattinnen, sodass der Architekt hier sparsamer planen konnte, während der fette Mops





lieber Polo spielte und mit den Kumpeln badete. An einigen Wänden hängen so schöne vergilbte Sepiafotografien, die immer irgend- welche Elefantenspielchen zeigen. Mal ehrlich, so propper, wie die kurzbeinigen Regenten hier dargestellt werden, kann eh nur ein Elefant die Jungs getragen haben. Also Polo zu Pferd wohl eher nicht. Der ursprüngliche Palast hat so die Ausdehnung von Schloss Bellvue, inklusive der umliegenden Grünflächen. Da natürlich jeder Maharadscha vornehmer war als sein Vorgänger, wurde der Backs ständig erweitert. Inzwischen ist die Palastanlage fast so lang wie der künstliche See, mit hohen Mauern, verwinkelten Aufgängen und natürlich einem ziemlich weitläufigen, wenn auch verstecktem Hotelkomplex. Der ist aber derartig teuer und exklusiv, dass man den Eingang verschämt versteckt hat, vermutlich um unbeabsichtigtes Eindringen der Plebejer zu verhindern. Überhaupt - Udaipur besteht fast ausschließlich aus Hotels, Basaren und umherschwirrenden Taxikategorien. Zumindest die richtige Seite vom Hang. Da fällt es uns nicht schwer, eine passende Shoppingtour auszuarbeiten.





   Bisher haben wir noch keinen Zug durch die Gemeinde der Antiquitätenhändler gemacht. Heute ist es soweit und voller Selbstvertrauen betreten wir das beste Etablissement am Platze. Sofort ist man umgeben von altem feuchten Muff. Ich weiß nicht, ob Läden dieser Berufssparte diesen speziellen Geruch irgendwo kaufen können, aber es riecht sosehr nach altem Dachboden, verwelkten Blumen und nach Geschichte, dass man im Kopf die dargebotene Auslage förmlich postwendend ins 14. Jahrhundert datiert - vor Christi Geburt! Der Herr über des Altertum steckt in einem weinroten Pullunder, was sich zweifelsohne weltweit als Berufskleidung der Geschichtshändler manifestiert hat. Natürlich hat er eine Assistentin - eine bildhübsche Assistentin, um nicht zu sagen eine ausnehmend bildhübsche junge Dame. Wie machen diese weinroten Pullunder das? Selbst in einem meiner Lieblingsbücher vom Hiromi Kawakami, Herr Nakano und die Frauen, hat der fusselige Antiquitätenhändler - in weinroter Strickware - eine bildhübsche Assistentin..... Bin definitiv im falschen Gewerbe! Vielleicht ist es auch nur ein Trick, zur Ablenkung sozusagen..... Gemächlich lasse ich den Blick durch die - natürlich über und über vollgestopften - Regale schweifen. Verharre hier und da, immer bei Dingen, die mich so gar nicht interessieren und fühle Pullunders abschätzenden Blick in meinem Genick. Als ich einen mittelalterlich anmutenden Helm aus Mes-sing näher begutachte, geht er




unvermittelt zum Angriff über und beginnt mit der Verkaufsstrategie.  Er beginnt das Kleinod der indischen Militärüberlegenheit zu preisen, lässt geflissentlich das Alter aus und versucht aus meiner versteinerten Miene Rückschlüsse zu ziehen. Derzeit gibt es in Indien den gleichen Trend wie im Rest der Welt: In den großen Hollywoodblockbus- tern werden Produkte platziert, die es anschließend im Netz für teuer Geld zu erwerben gibt. Er zeigt mir die gesamte Kollektion der Gladiatorenhelme aus dem Film Gladiator aus dem Jahre 2000. Bin nicht interessiert, nein gar nicht. Sind zwar gut gemacht und ähneln den Filmrequisiten wie ein Ei dem Anderen, bin trotzdem nicht interessiert. Und mal ehrlich - würde doch auf dem Moped echt albern aussehen oder? Mein Herz schlägt eher für die keinen Glöckchen, die den faltigen Hals eines Pachyderme zieren. Für den geneigten Leser, der gerade stutzt: ein Pachyderme ist ein Dickhäuter. Nur die Ruhe für alle, die sich gerade auf dem Fuße der Unwissenheit haben erwischen lassen, ich kenne das auch nur aus dem Asterix! Oh weh, ist das jetzt ein Zitat? Muss ich eine Quellenangabe schreiben? Egal!!! Jedenfalls haben die Arbeitselefanten hier alle so kleine Messingglöckchen um, deren feines, metallisches Geläut ihre Ankunft verkündet. Tief in der Nacht, wenn das Hupen nachlässt, erzeugt es eine wunderschöne Vorstellung, dass gerade ein Elefant unter dem Fenster herschreitet - mit einem roten Blinklicht am Schwanz - kein Witz.




   Also treten wir in Verhandlungen, Pullunder und ich. Wobei die hoffnungsvolle Nachwuchsanti- quitätenverkäuferin mittels eines Taschenrechners, der die Dimensionen eines Commodore 64 hat, die Berechnungen vornimmt - das Nummerngirl sozusagen. Aber ich merke, dass ich heute nicht so in Laune bin und er wohl einen schlechten Businessmorgen hatte. Kaltblütig nenne ich eine Summe und bleibe strikt dabei. Wir haben uns schnell auf meinen Preis geeinigt, was bedeutet, dass er sich geschlagen gibt oder ich hemmungslos zu viel gelöhnt habe. Bei der Gelegenheit ergattern wir noch ein altes - es sieht zumindest alt aus - Safrantransportgefäß aus Messing. Uns ist es egal, ob die Jahrtausende das Messing haben so altern lassen oder das 3 monatige Einlegen in Krötenurin, es sieht einfach hübsch aus. Und überhaupt - für den Indienabend denke ich mir einfach eine haarsträubende Ge- schichte für die Herkunft des kleinen Gefäßes aus, das vermutlich mit Kublai Khan über die schneebedeckten Berge des Himalaya kam.




   Bewaffnet mit einer ganzen Elefantenglockengießerei verlassen wir Pullunder und sein Nummerngirl und werden draußen von einem Schneider abgefangen. Während ich versuche meinen inzwischen sehr indischen Kopfbewegungen Einhalt zu gebieten, wackelt schon der nächste indische Kopf vor mir. Er preist mir Kashmirmäntel, Alpakawesten (kommen die nicht aus Südamerika?), derbe Tweedanzüge und jede Menge Winterschals an. Wir schauen uns etwas erstaunt an, Udaipur hat gerade etwa 34 Grad, wodurch die Vorstellung, die Wintergarderobe anzuprobieren mein Herz nicht mit Freude erfüllt. Trotzdem hat er tolle Modelle im Schaufenster, so englisch, dass man denken könnte, Bond hätte sich hier zur Ruhe gesetzt.



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