Diät in Delhi . . .
- Ingo

- 22. Aug. 2018
- 3 Min. Lesezeit
Depesche 21 - Heim - 2018

Wenn man den Großen der Literatur, den Philosophen von Weltrang und dem Kollegen Karl-Heinz Koslowski vonne Pömmse anne Herner Straße glauben schenken darf, sieht man sich immer zwei Mal im Leben oder aber, alles hört da auf, wo es begonnen hat.
Unser Hotel liegt in Paharganj - direkt vis a vis zum Lokal - was ich in den tiefsten Alpträumen meiner Lebensmittelvergiftung für das Ungemach der Menschheit verantwortlich mache. Als unser Flughafentaxi dort hält, habe ich sofort wieder den Geschmack des Essens auf der Zunge, der ..... Das Gehirn ist schon ein Meister der Suggestion, das muss ich sagen, denn eine derartige Vorstellung habe ich noch nie erlebt. Im Stillen nehme ich mir vor, in Delhi zu fasten - schließlich ist noch Regenzeit!

Der Rest ist schnell erzählt. Am Vortag steht, wie bestellt, um 7 Uhr das Taxi aus Jodhpur vor dem Helsinki House und bringt uns - für 12 Euro - die 250 Km zum Flughafen nach Jodhpur. Die Inlandsflüge in Indien sind hervorragend organisiert, sodass wir problemlos nach Delhi gelangen und per Taxi nach Paharganj fahren.
Das Hotel ist topmodern eingerichtet, nach indischen Maßstäben farbenfroh, nach unseren eher wie ein siamesisches Frontbordell. Delhi ist drückend heiß, die Luftfeuchtigkeit liegt bestimmt bei 85% - so der Wetterdienst aus Cupertino - und die Schwüle löst - nach der trockenen Hitze der Wüste - Beklemmungen aus. Trotzdem wollen wir nicht im Hotel abhängen und so lassen wir uns mit der einsetzenden Dämmerung durch die Gassen von Paharganj treiben, in denen zahllose bleichgesichtrige Schnäppchenjäger auf findige indische Basarprofis treffen. Hier gibt es alles, was eigentlich ausschließlich exklusiv in Jaipur, exklusiv in Jodhpur, exklusiv in Udaipur und exklusiv nur in Delhi produziert wird. Holländer, die zu tief in die Flasche Singha Bier geschaut haben, in Shorts, Flipflops und Unterhemden torkeln durch die Gassen, werden von kleinen alternativen Frauengrüppchen abgelöst, deren Stirnbänder zu den Hosen passen und deren nepalesischen Umhängetaschen prall gefüllt voller Stoffe und Tücher sind. Es gibt da den älteren Briten, der mit seiner Frau vorsichtig durch die dämmrigen Schatten der Vordächer schreitet und kaum einen Blick rechts und links wagt, um ja keine zermürbenden Abwimmelungen herauf zu beschwören. Natürlich gibt es den Existenzialisten, der mit schwarzem Tshirt und schwarzer Jeans suchend durch den feuchten Schlamm von Paharganj schlendert, die Chinesen, deren Mundschutz inzwischen so schwarz ist, wie die Kniestrüpfe, die sie zu den Shorts tragen und die militärischen Multifunktionsrucksäcke der Ja- paner, die mit optischem Gerät angefüllt sind, über das normalerweise nur die Weltraumaufklärung der Nasa verfügt. Und, und, und ... Hier treffen Ost und West aufeinander, kommunizieren auf welche Art auch immer. Inder jeder “Volkszugehörigkeit”, jeder Kaste, jeden Glaubens, Frauen, Männer, Kinder, 1000 Augen in der Dunkelheit. Die Vielschichtigkeit der Reisenden trifft hier auf die Vielschichtigkeit Indiens, hier offenbart sich die ganze Gegensätzlichkeit dieser Menschen und ihrer Kultur. Aus den Häusern dringen tausend verschiedene Düfte, Musik, Lachen. Mal ist es laut, mal ist es verdreckt, mal stinkt es bestialisch. Was sagen die Inder so schön, Nimm es als Vergnügen, dann ist es auch ein Vergnügen, nimm es als Qual und es ist eine Qual. Wie wahr - wo auch immer dieser Satz seinen Ursprung hat, auf Indien trifft er zu. Man muss das Unbekannte in Indien suchen und es zulassen, es wird die Seele verändern. Und eine Reise, die die Seele nicht verändert, ist nur ein Urlaub. Hier in Paharganj, in der beginnenden Nacht, kann man keinen Urlaub machen, hier sind alle Sinne gefordert. Hier gibt es alles - alle möglichen Menschen jeder Coleur, ein Wimmelbild der Kulturen und Religionen, der Wünsche und Träume, Erwartungen und Enttäuschungen. Jeder sucht etwas und was auch immer es ist, hier in den dunklen Gassen und Basaren, wo gefeilscht und gehandelt wird, Verlockungen und Verheißungen geflüstert und gemurmelt werden, einer riesigen Karawanserei gleich, pulsiert das Leben Indiens.




