Herr sHan und die Schwarzwälder-Kirschtorte . . .
- Ingo

- 18. Aug. 2017
- 11 Min. Lesezeit
Depesche 18 - Nach Bago - 2016

Es ist Sonntag und es läuft Buddha TV! Wir hocken im Frühstücksraum des OK Hotels und es läuft Buddha TV! Nun gut - es ist Sonntag und da werden bei uns ja auch Gottesdienste übertragen, aber hier passiert nix. Drei Typen hocken hinter einem blumengeschmückten ästhetisch fragwürdig gemusterten Tischdeckchen und murmeln die ganze Zeit, ziemlich regungslos, sodass man sich nicht sicher ist, ob nicht immer einer eingenickt ist. Man kann ihnen nicht entkommen, denn der leicht lädierte Flatscreen ist so montiert, dass er sämtliche Blicke, die sich profan dem strahlend blauen Himmel, der frischen Meerbrise und dem bunten Treiben auf der Uferpromenade richten wollen sofort spirituel bündelt. Dem mantraähnlichen Gemurmel kann man nicht entrinnen und nur ein kleiner weißer Punkt am Horizont beginnt meine Aufmerksamkeit zu fesseln. Es ist die Fähre von Shampoo Island, der inseltechnische ÖNPV im Delta des Thalnwin, der Menschen und Waren zum Markt bringt. Selbst auf die Entfernung

kann man sehen, welchem Wasserdruck des mächtigen Flusses die kleine Fähre ausgesetzt ist. Irgendwie bin ich nörgelig, denn wir mussten unsere Hoffnung nach Süden weiter zu reisen leider aufgeben. Am Abend zuvor hatten wir noch ein interessantes Gespräch mit Mrs. Grace. Teil ihrer Hotelmanagertätigkeit ist es jungen Frauen eine Art „Ausbildung“ im Hotelgewerbe und in der englischen Sprache zu geben. Der geneigte Leser stelle sich jetzt den Rezeptionstisch in der Lobby des OK-Hotels vor: Ein 90cm breiter thekenartiger Tisch aus hellem Holzfunierimintat und auch gut 90cm hoch. Dahinter zwei (in Zahlen: 2) Mitarbeiterinnen, zusammen höchstens 38 Jahre, für ihre Konfektionsgrößen gibt es bei uns keine offizielle Nummerierung, nur das eine kleine Thompsons Gazelle vermutlich als „fett“ durchgegangen wäre, und dazu angetan mit lustig bunt und wild gemusterten Röcken. Also gab es eine Lehrstunde in Touristenhandling. Die Damen mussten uns nach den weiteren Plänen fragen und wie sie uns dabei helfen könnten. Jede Bewegung und jedes Wort wurde sorgsam von Mrs. Grace überwacht, korrigiert und erneut geprüft. Ihre Art, sich um die hoffnungsvollen Nachwuchs-Hotelmanagerinnen zu kümmern, war sehr profeesionell, aber auch sehr liebevoll. Lieber Leser, wenn du nach Mawlamyine kommst, steige im OK-Hotel ab und frage nach Mrs. Grace, denn sie kann dir bei allem den Weg weisen! Innerhalb dieses Gespräches entstand unsere weitere Reiseroute: Auf einem Luftpostumschlag (!) wurde in netter burmesischer Blümchenschrift eine chronologische Reiseroute niedergeschrieben, die von Mawlamyine, über Bago, Rangoon nach Pathein im Irrawaddy Delta und weiter an den Golf von Bengalen führen sollte. Einfach Irre! Wir sollten einfach dem Taxifahrer zukünftig einen der gelisteten Begriffe zeigen und schon würde man uns genau dorthin verfrachten, wo wir hin wollten. Nur zur bildlichen Verdeutlichung: 500Km Reiseroute mit Transport- und Bahnhofswechsel mit Hilfe von 10 Schlagworten ...

Während ich so versonnen den Kampf der näherkommenden Fähre mit den Fluten des Flussdeltas betrachte, kommen mir - natürlich rein europäische Zweifel - an der Durchführbarkeit der dieses Luftpostbriefplans. Nun ja, andererseits bin ich mal durch Nordspanien gut 1000KM hinter einem Muschelsymbol her gewandert und brauchte auch keine Karte ... Wische alle Bedenken weg und meine Ungeschmeidigkeit liegt sicher daran, dass ich es bedaure, nicht tiefer nach Süden vordringen zu können. Aber, wie drückte es Mrs. Grace noch aus: „There´s no other road!“ Punkt, aus und Ende der Diskussion. Also werden wir eines Tages wiederkommen müssen und nochmal den Süden bereisen. Nehme mir im Stillen vor, dann meine GS mitzubringen, damit ist man einfach unabhängiger von den öffentlichen Verkehrsmitteln. Neben den Haltepunkten hatten uns die beiden netten Damen bereits Mopedtaxen zum Busbahnhof und darüber hinaus die notwendigen Tickets für den Bus nach Bago organisiert. Noch so in Gedanken registriere ich einen erhöten Aktionismus auf der Uferpromenade...
Die lokale Geschäftswelt wittert die Ankunft der Landeier, ok - sie kommen ja von der Insel, also einigen wir uns auf Inseleier. Zunächst versammelt sich stoßartig die Zweiradtaxizunft, angetan mit grünen Westen und ramponierten Helmen, und belagert sofort alle möglichen Parkplätze rund um den schwimmenden Ponton, der als Behelfshafen dient. Die grünen Westen scheinen die offizielle Berufsuniform der Zweiradpiloten zu sein und sind bestimmt aus dem Westen importiert. Entweder sind die Westen mehr so auf die physischen Dimensionen der städtischen Busfahrer meiner Heimatstadt ausgelegt, was die XXXL-Größen erklären dürfte, oder die hiesigen Jungs haben einen hervorragenden Stoffwechsel, sodass sie keinerlei Probleme mit niedermolekularen Kohlehy-draten haben. Die traurige Wahrheit ist vermutlich, dass sie weniger verdienen und Nahrung knapp ist. Scheinbar gehört zu der übergroßen Weste ein Zahnstocher, lässig im Mundwinkel, auf dem unendwegt herumgekaut wird, auch beim Sprechen. Ob sich das auf die Intonation auswirkt, können wir nicht beurteilen, da wir des Burmesischen einfach nicht mächtig sind, dennoch hören wir keinen Unterschied, ob mit oder ohne Zahnstocher in der Knabberleiste. Hardcore sind natürlich die Jungs, die zu allem Überfluss noch gleichzeitig Betelnüsse kauen ... aber mit dieser ästhetischen Vorstellung lasse ich den geneigten Leser allein! Das verrostete Nebelhorn der Fähre trötet röchelnd gegen den Wind, die sabbelnden und vermutlich auch sabbernden Taxipiloten und das sakrale Buddha-TV-Gemurmel an, erzeugt aber doch einen zunehmenden Uferaktionismus. Inzischen hat sich zu dem motorisierten Zweiradtaxisegment ein weiterer Vertreter des burmesischen ÖNPV-Biotop hinzugesellt - das motorlose Fahrrad-Dreirad-Taxi. Handelssnobs kommen im breiten japanischen SUV und komplettieren das Verkehrschaos vor dem OK-Hotel, was vermutlich zukünftig von der findigen Mrs. Grace als landestypisches Gebaren vermarktet werden wird.

Wer weiß, man denke an die vielen Restaurants mit Blick auf die Panne auf dem Weg nach Nyaungshwe. Als die Fähre in greifbarer Nähe ist, strömen jegliche Vertreter des Transportgewerbes auf die schwimmende Mole, die bedrohlich zu schwanken beginnt, neben der Tatsache, dass sie völlig verrostet ist und ohnehin das letzte Mal in den frühen 50ern betriebstechnisch geprüft wurde. Die Fähre ist bis zum letzen freien Plätzchen belegt und kurzfristig erscheint der Name „Estonia“ vor meinem geistigen Auge. Überall stehen Menschen, beladen mit Taschen und Körben in brennender Erwartung des sozialen Austausches mit dem modernen Festland. Während des Anlegens, der Seelenverkäufer ist immer noch gut einen Meter vom Pier entfernt, enthemmt sich die Taxigilde und alle springen über die Reling, rein in die Menge der Inseleier. Nur der vornehm zurückhaltend geprägte Europäer sieht hier keine Geschäftschance, der Burmese als solcher ist ein Dienstleister par excellence. Es gilt dem Kampf um den Kunden zu gewinnen und wer da verschüchtert auf das Anlegen des Bootes wartet, den bestraft das Leben. Jeder Taxipilot ergreift den Transportkorb eines rumstehenden Passagiers und sichert sich so die Fuhre des Tage, vielleicht sogar gleich den Rückweg. Was hier so gelassen und nüchtern klingt, entpuppt sich in Wahrheit als gnadeloses Kundengambit, wo geschoben, gezerrt, geknufft und getreten wird, sodass die schräbbelige Fähre im Wasser schaukelt wie eine alte Gondel auf den Kanälen von Giuddeca. Kaum hat der verbeulte und rostige Bug der Fähre am Pier angeschlagen, drängt die Meute auf den Schwimmponton und weiter über eine, gegen den Regen mit schweren LKW-Planen behängte, Eisenkonstruktionsbrücke hin zur Markthalle oder motorisiert weiter in die City von Mawlamynie. Als Ruhe eingekehrt ist, sitzen wir noch lange im Restaurant, denn uns beschäftigt wahrlich der Sicherheitsaspekt. Vielleicht sind wir einfach nur zu weich geworden und haben einfach keine alltäglichen Herausforderungen mehr. Vor Jahren fuhr ich mal mit einem hölzernen Seelenverkäufer von Pho Quoc nach Hatien - in einem Taifun und, trotz der bedrohlichen Situation und dem gefährlichen Schwanken, kamen mir keine Risikobedenken. Nun ja, vielleicht die Frage nach den Haibeständen in dieser Region des Südchinesischen Meeres ... Aber die übervolle Fähre von Shampoo Island nach Mawlamyine war schon eine einprägende Impression.

Eine Stunde später sitzen wir in einem Bus, der uns - gemäß Mrs. Graces niedergeschriebenen Briefbogenanweisungen - zunächst nach Bago bringen wird. Kaum sitzen wir in dem klimatisierten Überlandsarg brechen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken und Mawlamyines Antlitz bekommt weichen karibischen Charme. War klar! Kurzfristig überlege ich nochmal, ob wir nicht doch irgendwie weiter nach Süden ... Als der Bus nordwärts über die Brücke rauscht, regnet es bereits wieder in Strömen und ich verwerfe alle Pläne, doch irgendwie nach Süden zu reisen. Klimatisch gesehen, ist die Regenzeit schon fast vorbei, aber darauf kann man seit ein paar Jahren nichts geben. Also werden wir Pläne für einen späteren Besuch in Südburma machen und ich harre der Dinge, die da kommen. Die nächsten Stunden verbringe ich damit meine favorisierte Reiseplaylist zu hören und die Welt zu beobachten, die schier unaufhörlich an mir vorbeizieht. Erstaunlich wie unterschiedlich sich eine Welt von den Gleisen und gleichermaßen von der Straße aus darstellt. Während der Zug förmlich durch die „Hinterhöfe“ und „Gärten“ der Dörfer und Städte rollt, präsentiert sich von der Straße aus lediglich die Fassade des hiesigen Daseins hier. Von der Bahn aus gibt es den tatsächlichen Blick auf die Dinge, also wie das Leben hier zwischen den Zeilen wirklich ist. Zwischen einem groben Bambuszaun wird Wäsche gewaschen und getrocknet, in kleinen Wellblechverschlägen werden Ziegen gehalten, Kinder toben durch das Tiefgrün der dschungelartigen Vegetation, alte Menschen verharren und beobachten die vorbeirauschenden Züge - vielleicht mit Wehmut oder Sehnsucht ihrer Träume - und auf hölzernen Podesten hocken bunt gekleidete Frauen bei der Zubereitung des Essens. In den Dörfern stockt der Verkehr, denn die Seitenstraßen sind schlammig zerfurcht und mehr als einmal sorgen eingefahrene Fahrzeuge für Rückstau bis auf die Hauptstraße. Dem Regen geschuldet haben die Ladenbesitzer vor ihren Geschäften tiefhängende LKW-Planen gespannt, um ihre Waren und Kunden zu schützen. Der Regen verlangsamt scheinbar alles bis hin zum Einkaufsverhalten der Menschen. Die Kaufleute hocken auf grellfarbigen Plastikstühlen

vor ihren Ständen und Räumlichkeiten und verfolgen gelangweilt das Geschehen auf der Straße. Lange, knorrige Palmen recken sich zwischen den Häusern hervor, deren lange, regenschwere Blätter traurig herabhängen. Der Monsoon führt zu kleinen, wie großen Erosionsgräben entlang der Straße. Der Bus zieht in unerbittlichem Tempo über kleine Dorfstraßen und -plätze, schaukelt vibrierend über Bodenwellen und Schlaglöcher und gebremst wird nicht mal für einen alten Mann, der versucht mit seinem krummen Bambusstock die Straße zu queren. Scheinbar gleichmütig nimmt er die großen Wasserfontänen in Kauf, die jedes Fahrzeug der Landstraße über ihm aufwirft. Manches Dorf wirkt wie ausgestorben, bis auf das hektisch flimmernde Licht der Flachbildschirme, welche man im Dunkeln durch die offenen Türen der Häuser sieht. Ein großer leuchtender Flachbildschirm im Innern eines traditionellen burmesischen Holzhauses, das wirkliche Wahrzeichen der neuen Zeitrechnung. Trotz der witterungsbedingten Menschenleere, gibt es immer den einsamen Wanderer, der sich, scheinbar mit nichts, außer einem umgehängten Beutel, im Nichts zwischen den Siedlungen am Straßenrand entlang bewegt. Für mich sind diese Menschen ungemein faszinierend, ungeachtet der Tatssache, dass ihre Erscheinung natürlich nur eine flüchtige Momentaufnahme ist, erscheinen sie mir immer seltsam frei in ihrer gleichzeitigen gesellschaftlichen Absorbiertheit. In jedem Kulturkreis, den ich bereist habe, gibt es diesen Wanderer, der immer entlang der Straßen läuft. Irgendwo im Nichts, zwischen zwei Städten, Dörfern oder Siedlungen. Kein überflüssiges Gepäck belastet ihn, Träume und Sehnsüchte treiben ihn an und da er sich des Glücks seiner Einfachheit nicht bewusst ist, strebt er natürlich nach genau dem Ballast, den wir alle haben und meist auch wieder loswerden wollen. Verrückte Welt! Vieles auf der Fahrt nach Bago ist mir völlig fremd und unterscheidet sich vom Rest Asiens. Es ist nicht so, dass ich genau den Finger darauf legen könnte, aber dennoch erscheint mir der Rhythmus ein anderer. Einerseits sind es natürlich die vielen verschiedenen Gesichter, die uns hier begegnen und von der ethnischen Unterschiedlichkeit künden. In Vietnam sind die Gesichtszüge der Menschen schon eher chinesisch geprägt, während man im Süden verstärk eine orientalisch-indische Prägung findet. Vielleicht sieht das heute aber auch schon wieder ganz anders aus, wer weiß das schon.

Nach 6 Stunden auf der Landstraße kommen wir nach Bago und werden am Busbahnhof abgesetzt, der sich irgendwo in der Stadt befindet. Das ist ja das Tolle, ich weiß, viele Urlauber wollen genau diese Unsicherheit nicht, aber ich mag das. Irgendwo steigt man aus einem Bus und das Fremde tobt um einen herum. Der Verstand muss sich konzentrieren und spontan auf eine völlig neue Situation einstellen und eigentlich ist alles andere unwichtig, denn es geht nur noch um grundlegende Dinge, wie ein Dach über dem Kopf, ein Bett, eine Mahlzeit. Lesen können wir nix, ist immer noch Blümchenschrift, also greifen wir zu der ureigensten Geste die Asien zu bieten hat: das Heranwinken eines Taxis! Anders als bei uns, wo man gegebenenfalls winkt, pfeift oder sich sonst wie bemerkbar macht, wird hier, also eigentlich überall in diesem Teil der Welt, der Arm erhoben - bis auf Augenhöhe - und mit der umgedrehten Hand wird dann, mit stetigen Winkbewegungen der Finger, ein Wagenlenker herangewunken.
In unserem Fall halten zwei erbarmungswürdig dünne Fahrradtaxen mit Beiwagen. Mit diesem Transportmittel bin ich in Phnom Phen mal böse reingefallen, weil diese Fahrräder keine Gangschaltung haben, was beim Anfahren quälend langsam losgeht und beim höheren Tempo zu hektischen Tretbewegungen des Piloten führt. Aber gut, es muss nicht immer Benzin oder Diesel sein! Also verladen wir unser Gepäck und harren der Dingen, die wir auf dieser Stadtrundfahrt zu sehen bekommen. Aus dem Reiseführer haben wir das Mariner Hotel für unsere Zeit in Bago ausgemacht. Grundsätzlich sind mir Hotels egal, da ich meist nur zum tatsächlichen Schlafen herkomme. In teuren, wie preisgünstigen Hotels und auch in solchen, die sogar von Ungeziefer verschmäht wurden, habe ich genächtigt. Das Mariner scheint das 1. Haus am Platz zu sein, was Aufschluss über den touristischen Stellenwert von Bago gibt. Kaum mehr als ein durchschnittliches amerikanisch-angehauchtes Messe- oder Flughafenhotel ist es zwar einerseits sauber und halbwegs geräumig, andererseits aber auch gesichtslos langweilig. Sein eigentlicher Wert für uns ist, dass wir von unserem Zimmer in der 5. Etage genau auf die große Pagode von Bago schauen können. Ähnlich wie Monet die Kathe-drale von Rouen zu unterschiedlichen Tageszeiten malte, lichte ich die große goldene Pagode ebenfalls mehrfach morgens, mittags, abends und auch nachts ab.
Beim ersten Gang durch die Gemeinde stoßen wir auf eine „shopping mall“, ein burmesisches Hochglanzeinkaufszentrum. Etwas verwirrt stehen wir in der klimatechnisch-tiefgekühlten, schreiend bunten Glitzerwelt des lokalen Konsumtraums spitzhütiger Reisbauern. Hier gibt es alles, nur kein einziges westliches Produkt, sondern nur Dinge, von denen der heimische Produktdesigner glaubt, dass der aufstrebende junge burmesische Karrierekader in unkontrollierten Kaufrausch verfallen wird. Die furnierten und mit goldenen Spots versehenen Luxusläden bieten eine Vielzahl an - nun ja, wie nennt es das zurückhaltende Bleichgesicht - sehr farbenfrohen Designerblüschen, Longhis und Sakkos. Allein die Vorstellung, bei dieser Bullenhitze ein Sakko tragen zu müssen, wirkt sich spontan verstörend auf meinen inneren Thermostat aus. Natürlich wäre in dieser Mall ein Sakko mehr als wünschenswert, denn es ist so gnadenlos runtergekühlt, dass ich innere Angstszustände vor der feuchtheißen Klimakeule verspüre, die vor der kondenzwassergeschwängerten Glastür lauert. Interessant ist auf jeden Fall, wie eine konsumausgehungerte Generation nach grell-buntem Schnickschnack lechtzt. Aber - was soll ich sagen, die Menschen sind so - und nach der ästhetischen Dürre der vergangenen Zeiten, deren höchste Farbausprägung in militärischem oliv-grün gipfelte, gönne ich es ihnen.
Nach dem Ankauf einer Bluse sowie einer Jacke, kehren wir dem Kaufrauschtempel den Rücken, denn es gilt den morgigen Tag mit einem zackigen Kulturprogramm zu füllen und dazu benötigen wir einen Burmesen, der mobil ist und sich auskennt. Die nun folgende Episode ist einfach - wie soll ich es ausdrücken - asiatisch sensationell! An der Rezeption unseres Hotels fragen wir nach Herrn Han?! Aha, wer? Herr Myo Min Han? Kennen wir nicht! Nein? Nein, bestimmt nicht! Gar nicht? Nie gehört! Hm, so,so. Wer ist also der ominöse Han, den wir scheinbar kennen, aber kein Burmese? Im Reiseführer wird ein Guide erwähnt, eigentlich wird er angepriesen, als der beste kulturelle Fährtenleser, den ein abenteuerlustiges Bleichgesicht im dichten Kulturdschungel von Burmas viertgrößter Stadt einfach benötigt. Die Telefonnummer von Herrn Han ist ebenfalls angegeben, doch scheinbar nicht mehr aktuell. Nach mehreren erfolglosen Kontaktversuchen der Hotelrezeptionistin, bitten wir die unfassbar engagierte Dame einfach ein mündliches Herr-Han-Sightseeingguide-Jobangebot in Umlauf zu bringen. Der geneigte Leser muss sich jetzt einfach vorstellen, man wäre auf der Suche nach einem Auftragskiller, für den ein oder anderen beruflichen Konkurenten, die reiche Tante oder den rivalisierenden Erbprinzen. So einen Berufsmörder findet man ja auch nicht so ohne Weiteres im Telefonbuch, da muss man schon mal persönlich in eine übel beleumdete Hafenkneipe in Marseilles oder Manila und rumfragen. So ähnlich ist es mit Herrn Han und der Rezeptionistin des Mariner Hotels gelaufen. Während wir dem Gassenfunk Gelegenheit geben, sich in der Fremdenführerszene breit zu machen, verbringen wir die Planung unserer Sightseeing Tour in einem Café, fussläufig vom Mariner, bei Latté und Schwarzwälder Kirschtorte. Ja, ja lieber Leser, ernst wahr! Ums Eck, wie der Westfale so lapidar sagen würde, gibt es ein Café, nein - eigentlich ist es mehr eine Patisserie. Alleine der linguistische Ausdruck Patisserie ist ja an sich schon etwas snobby, aber in Bago ist eine Patisserie etwa so geläufig, wie ein Mettbrötchen auf einem veganen Buffet. Als wir das Etablissement betreten, schneit es förmlich und - ja, natürlich würde ich dieses Tatsache jetzt gerne meiner natürlichen Coolness zuschreiben, vielmehr ist die Kälte aber dann doch durch die Empfindlichkeit allerlei Küchlein, Torten- und Konditoreiprodukte zu erklären. Für unsere westeuropäische Sozialisierung ist zudem noch die asiatische Verkäuferin in Verbindung mit Schwartzwälder-Kirschtorte irgendwie ein unstimmiges Bild. Aber egal, nach einigen Wochen der Nudelsuppen scheint mich dieses Backwerk anzulächeln und einer Sirene gleich ein sahniges Verlangen in meinem inneren Odysseus zu wecken. Tja, man glaubt es kaum, da sitzt man bei 45º Grad in einem Gefrierfach, isst Törtchen und trinkt Milchkaffee - hätte ich einen Kapotthut auf, wäre Annis Tante Atta im Café Zürich bestimmt neidisch.

Kaum eine Milchkaffeelänge später steht Herr Shan auf der Treppe des Hotels und wir unterbreiten unsere Anfrage. Nicht schlecht was? In 50 Minuten Stille Post und ein x-beliebiger Mensch, der vorher niemanden bekannt war, steht vor einem und es kann losgehen!?! Verrückte Welt! Und nicht zu vergessen, Bago ist eine der größten Städte Myanmars ... Im Stillen stelle ich mir vor, wie in meiner Heimatstadt ein reisender Inder oder Chinese an der Rezeption des Hotels Kaiserhof nach einem, nicht näher bezeichneten Herrn Müller fragt, und ... Diese Begebenheit ist so asiatisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Während bei uns das Hotelpersonal vermutlich nur genervt auf diese Situation reagieren würde, sieht man hier der Story mit interessierter Neugierde. Aber natürlich ist das nur eine Vermutung, bevor ich der bundesdeutschen Dienstleistungsmentalität Unrecht tue.



