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Götter, Gräber und Gelehrte . . .

  • Autorenbild: Ingo
    Ingo
  • 7. Aug. 2017
  • 15 Min. Lesezeit

Depesche 07 - Bagan - Tag 2 - 2016



05:30Uhr Ortszeit, Bagan. Alles schläft! Alle! Alle außer uns und Nr. 5. In dieser erfrischenden Morgenstunde, die schön kühl aber auch stockfinster ist, machen wir uns auf leisen Elektrosohlen auf den Weg zum Sonnenaufgang. Die Nachtbeleuchtung des Htilominlo-Tempel ist noch ausgeschaltet und der rote Sandstrahl bildet vor dem Hintergrund der bläulichen Morgendämmerung einen tollen Kontrast. Nach dem Studium der Tempelkarte haben wir uns entschlossen, unser Sonnenaufgangsglück auf der Dachterrasse des Pyathada-Tempels zu verbringen. Der Tempel liegt südöstlich von Altbagan, wo unsere OP-Suite liegt. Den “Gasgriff” bis zum Anschlag durchgezogen rollen wir mit fulminanten 11-12 Km/h über die menschen- und vehikelleere Bagan-Nyaungu-Road in Richtung Ananda Tempel, vor dem wir kurz vorher links abbiegen müssen. Wie gesagt, es gibt nur zwei Asphaltstraßen und kaum biegen wir von der Hauptstraße ab, landen wir mit Nr. 5 schon auf einer breitgewalzten Sandpiste. Kurzfristig gerät Nr. 5 in unangenehmes Sandschlingern und da hilft nur Gas. Leider ist genau das das Problem, mehr als 11-12 Km/h gibt die Elektrokarre einfach nicht her. Aber was solls, also schlingern wir mit reduzierter Geschwindigkeit weiter gen Südosten. Wenige Kilometer weiter verzweigt sich die breite Sandpiste in viele kleine Sandpisten, die aber nicht gewalzt sind und eigentlich nur aus knöcheltiefen Pudersand bestehen..... Wie man hier auf die Idee kommt, ein Fahrrad zu mieten, kann ich ja noch verstehen, aber spätestens nach einer Stunde hätte ich das Dingen zurückgegeben. Selbst motorisiert ist das noch eine Herausforderung und ganz im Stillen wünsche ich mir meine GS, damit wäre es einfach nur Spaß.... Man muss sich beim Fahren höllisch konzentrieren, denn neben dem instabil schlingernden Hinterrad liegen immer mal wieder vertrocknete, mit Dornen gespickte Zweige auf der Piste, die



meist halb unter dem lockeren Sand verborgen sind. In der Nähe größerer Tempel werden die Sandwege breiter und auch besser befahrbar, sodass man mit stabiler Geschwindigkeit einen herrlichen Morgenritt durch die wüste Tempelei machen kann. Wir passieren hunderte alte Backsteinbauwerke verschiedenster Größe, manchmal führt der Weg an ihnen vorbei und manchmal mitten durch. Geografisch gesehen liegt das Tempelfeld auf einer Ebene direkt an einer „Biegung“ des Irrawaddy. Biegung ist vielleicht der falsche Begriff, denn dieser Fluss ist der zweitgrößte Fluss Asiens nach dem Mekong und eine Biegung kann im Hinblick auf den Irrawaddy schon mal mehrere Kilometer bedeuten. Da das Land einfach platt ist und nicht durchgehend bewaldet, kann man sich eigentlich hervorragend an den zwei Hauptstraßen und den größten Tempeln orientieren. Man bewegt sich eigentlich immer in einem Quadrat zwischen Alt-Bagan, dem Ananda, dem XX und Nyaung U. Der Elektroroller ist die perfekte Fortbewegung für Bagan. Gerade in den frühen Morgenstunden liegt tiefer Frieden über dieser stillen Landschaft, die gerade zum Leben erwacht. Während hinter den Bergrücken im Osten helleres Licht das Anbrechen des Morgens ankündigt, gleiten wir, förmlich vom lauten Morgengezwitscher der Vögel begleitet, entlang der gummibaumgesäumten roten Backsteinruinen zum Pyathada-Tempel. Wir lassen den mächtigen Dhammayangyi-



Tempel, dessen pyramidenähnlicher Aufbau langsam aus der Dunkelheit auftaucht, abseits liegen und verschieben den Besuch auf später. Der Pyathada-Tempel wurde nie vollendet, wie üblich hat vermutlich irgendein König hier eine architektonische Duftmarke seiner Göttlichkeit setzen wollen, es kam dann aber wohl irgendwie zum Baustop. Historisch bin ich in der mittelalterlichen Geschichte Burmas nicht so bewandert, teils, weil ich mir sprachlich nicht mal die Namen von Tempeln und Königen gut merken kann, teils, weil hier jeder jeden bekriegt oder abgemurkst hat. Aber der Erbauer des Pyathada-Tempel war König Kyaswa (1234–1250), ein Name, dessen linguistische Einfachheit sich für mich geradezu zum Memorieren eignet. Der Tempel hat nur ein Geschoss und die hier übliche volkstümliche Bauweise mit bis zu vier Geschossen lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass  Kyaswa in seinem Bauprojekt irgendwie gestört wurde, als er seinen architektonischen Beitrag zur Preisung des Göttlichen verwirklichen wollte. Da sich die religiösen Moralvorstellungen der mittleren Jahre unserer modernen Zeitrechnung im Morgenland kaum von denen unseres aufgeklärten Abendlandes unterscheidet, vermute ich Defizite in der Struktur des brüderlichen Miteinanders. Vermute, da gab es die ein oder andere giftige Intrige mit dem handelsüblichen Brudermord, ein schlecht vorbereiteter Nachbarschaftskrieg oder einfach nur ein schnöder Staatsbankrott, weil man nicht genug aus den bettelarmen Untertanen herausgepresst hatte... Fragen über Fragen des Orients.



   Aber egal was den König Kyaswa davon abhielt, den rechteckigen Ziegelbacks fertig zu kriegen, er ist fest verschlossen mit einem großen burmesischen Vorhängeschloss gesichert. Wir stehen ein bisschen belämmert vor dem verschlossenen Gitter und kurzfristig mobilisiere ich ein Quäntchen kriminelle Energie im hinteren Winkel meines Großhirns und spekuliere, wie groß Qualitätsmanagement in der Produktion dieses verrosteten Stücks burmesischer Sicherheitstechnik geschrieben wird. Während ich also den sonnenaufgangsmotivierten Einbruch plane, materialisiert sich förmlich ein kleiner Burmese im Longhi neben uns und schwingt einen verrosteten Schlüssel. In gebrochenem Englisch erklärt er uns, dass der Pyathada-Tempel eigentlich noch geschlossen sei, er uns aber auf die Terrasse lassen würde. Durch den dunklen Tempel geleitet er uns zu einer noch dunkleren Treppe, die so eng ist, dass ich mich seitwärts durch das muffig-stickige Treppenhaus hindurchzwängen muss. Bei dunklen muffigen Tempeln bin ich in Asien immer etwas angespannt, weil man nie weiß, was sich abends nach dem Tourismusfeierabend, da so in den Fugen zusammen- oder ausgerollt hat. Mein ganz persönliches Highlight in dieser Hinsicht trug sich in Heinz Sielmanns Folge - Bewohner der Hotellobby von Hoi An - zu. In der Abenddämmerung, des seinerzeit nur von Lampions erleuchteten, chinesischen Viertels von Hoi An, wollte ich die unbeleuchtete Lobby meines Hotels betreten, als ich die alte Dame der Rezeption mit einem Reisigbesen auf den Boden klopfend auf mich zukommen sah. Dabei stieß sie allerlei Zischlaute aus und hieb in abgehacktem Boxerstakkato auf die dunklen Fliesen ein. Nun ja, in der Verbotenen Stadt kündigten die Eunuchen mit Zischlauten die Ankunft der kaiserlichen Sänfte an, was alle Zopfträger dazu aufforderte, sich abzuwenden, wenn der Sohn des Himmels vorbeigetragen wurde. Eigentlich war mir schon bewusst, dass sich politisch in Vietnam was getan hatte und es keinen Kaiser mehr gab, aber viel-leicht lebte er ja im gleichen Hotel inkognito im Exil. Alte vietnamesische Häuser haben zwei hölzerne



Querbalken unten in der Türzarge liegen, und als ich gerade selbige Holzbalken übersteigen wollte, schlängelte sich wütend und ziemlich rasant eine dunkles Reptil über die hölzerne Barriere. Bei mir ist die Adrenalinausschüttung immer und ausnahmslos mit Hitzewallung sowie spontaner Schweißperlenbildung auf der gesamten Körperoberfläche verbunden. Trotz der schwül-heißen 38 Grad wurde mir schlagartig so heiß, dass das Monsoonwetter zu einem kühlen Lüftchen mutierte. So zügig wie das Genatter an mir vorbeizischelte, so schnell war die gut halben Meter lange graue Schlange im diffusen Licht der Dämmerung verschwunden. Dieses Erlebnis ist Auslöser für unkontrolliertes Kribbeln in den Füßen und meine Angewohnheit, in asiatischen Hotels immer unter die Matratze und das Bettgestell zu schauen. Genau dieses Kribbeln stellt sich jetzt ein, da ich natürlich wieder mal anerkanntes Sicherheitsschuhwerk der Firma FlipFlop trage. Erst jetzt fällt mir auf, dass der nette Burmese geschlossene Lederschuhe anhat, was zum Longhi ästhetisch sicherlich bedenklich, aus Gründen des Überlebens bei Schlangenbissen aber durchaus förderlich sein kann. Wir erreichen die Terrasse ohne einen tödlichen Zwischenfall und wie vom Reiseführer versprochen, haben wir einen tollen Rundumblick auf die „Großen Vier“ zweistöckigen Tempel, den Gawdawpalin, die Thatbyinnyu-, Sulamani-, Htilominlo-Tempel sowie den Ananda-Tempel und natürlich den Dhammayangyi-Tempel, die wir schon kurz vor Tagesanbruch passiert haben. Inzwischen ist es



halbwegs hell und hier und da sieht man das dörfliche Leben erwachen. Im Tempelbezirk existieren noch etliche Dörfer, in denen Menschen ihrer angestammten landwirtschaftlichen Tätigkeit nachgehen. In der Ferne rumpeln hölzerne Ochsenkarren auf die Felder, Frauengruppen tragen Lasten in ihren Körben auf dem Kopf oder über die üblichen Querstangen auf ihren Schultern. Radfahrer kämpfen sich durch den Sand, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen, hier und da hört man den obligatorischen Einheitsmotor Asiens und Kinder wackeln verschlafen in grün-weißen Schuluniformen zur Schule. In Alt-Bagan gibt es keine Häuser mehr, die Bewohner mussten während der Militärdiktatur Bagan verlassen, den Abriss ihrer Häuser selbst bezahlen und wurden in Neu-Bagan neu angesiedelt! In den Dörfern, die unstrukturiert zwischen den Tempeln und Ruinen verstreut sind, haben die Bauern ihr gesamtes Vieh im Vorgarten stehen. Ziegen und diese besorgniserregend aussehenden klapprigen Kühe, Hühner, Hunde, Enten,..... Hier haben alle die Ruhe weg, denn das bäuerliche Leben ist ganz geruhsam und bewegt sich im Geschwindigkeitsrhythmus der Ochsengespanne.




   Der Himmel ist schwer regenverhangen und so färbt sich lediglich ein kleiner Streifen zwischen Horizont und Wolkendecke im Osten blutrot, wobei Vegetation und Bauwerke in dunkles Orange getaucht zu sein scheinen. Die Aussicht ist grandios, der angenehm kühle Wind erwärmt sich umgehend und als wir nach einer guten Stunde der genossenen Einsamkeit uns zum Verlassen der Lokalität anschicken, stellen wir fest, dass der nette Burmese still und regungslos auf unsere Abreise gewartet hatte. Gut, lieber Leser, vielleicht sollte ich erwähnen, dass er die Zeit, in der wir vor Verzückung vor der Sonne verharrten nutzte, um seinen Shop zu öffnen. Vielleicht muss man das etwas genauer erklären, denn die  burmesische ICH-AG ist nicht nur auf die kulinarischen Bedürfnisse der Bleichgesichter ausgerichtet, sondern auch auf die kulturellen. In Bagan existiert eine rege Kunstszene, die, wenn auch nur eine begrenzte Anzahl von Motiven vorhanden ist, jedoch sehr weit verzweigte Vertriebswege aufweist. Besonders interessant ist natürlich auch, dass alle im selben Stil malen und dass alle 400 Kunstverkäufer Kunststudenten sind, die sich in der vorlesungsfreien Zeit etwas durch den Verkauf ihrer Werke dazuverdienen. Passiert man am Bahnhof von Bagan den Haupteingang, hat der geneigte Burmareisende bereits alle Motive gesehen und da überall identische Malereien angeboten werden - als studentisches Zubrot versteht sich - liegt es nahe, dass es nur einen Professor



gibt, von dem alle Studenten lernen. Interessant ist auch, dass alle „Kunststudenten“ fortgeschrittenen Alters sind und in der Regel pro Tempel einer von ihnen beheimatet ist. Ich habe nun wirklich nichts gegen Reisemitbringsel oder Souvenirs, aber diese „Malerei“ ist ..., ist ... - hm, wie soll ich es formulieren .... Der geneigte Engländer würde sagen, „it has character!“ Schreiende, grob gepinselte Meisterwerke, wogegen der Schrei von Emil Nolde dagegen eher farblos durchgehen würde. Die Art würde die Baganer Kunstszene sicherlich als „Grausamen Angriff auf die Netzhaut im neoprimitiven Technicolor“ betiteln. Selbst bei größter Toleranz gegenüber Form und Farbe kann ich mich nicht durchringen, den armen „Kunststudenten“ auf der Höhe seiner ganzen Schaffenskraft zu unterstützen, da seine Malerei - nun ja eigentlich alle Bilder in Bagan - meinen Geist in schweißgebadete Alpträume katapultieren würden. Aber der nette Kerl nimmt unsere Kunstverweigerung gelassen hin, denn der Morgen ist ja noch jung und es gibt genügend Willige mit zweifelhaften Ästhetikempfinden oder mit mehr Kunstverständnis, als mein bescheidenes Werturteil. Jeden Tage stehen genügend davon auf, man muss sie nur finden. Ich muss gestehen, dass wir von diesem Zeitpunkt an unbewusst immer nach Touristen Ausschau halten, die eine verräterische Papprolle bei sich tragen, welche von einer erfolgreichen Kunsttransaktion eines „Kunststudenten“ kündet...

   Dann sind wir wieder auf der breiten Piste Richtung Ananda, wo wir früh morgens schon unser zukünftiges Frühstückslokal ausgemacht hatten. Aber dazu später mehr.



   Große graue Regenwolken haben die lockere Bewölkung des Morgens abgelöst und hängen tief über den Spitzen der Tempel. Bald wird die Luftfeuchtigkeit unerträglich drückend sein und dann werden sich die blauschwarzen Wolken mit Macht entladen und eine Stunde später wird dann wieder die Sonne scheinen. Verrückte Welt, denn nach dieser Chronologie kann man seine Uhr stellen. Also geht es zurück zum Hotel, Kameraakkus laden, Speicherkarten leeren und natürlich der Siesta wegen. Wenn man den frühen Vogel morgens so gezielt fängt wie wir, dann bietet sich immer ein kleines Powernapping an, schon allein, um die ganze Geschichte aufzuarbeiten. Denn - mal ehrlich - wer kann sich schon die ganzen Namen der uralten Bruchbuden merken und dabei den ganzen historischen Visukill noch genießen. Natürlich kann das aber auch an meiner mit dem Alter rapide abnehmenden Fähigkeit Fakten zu memorieren, liegen. Wenn der geneigte Leser an dieser Stelle seine Memorierfähigkeit testen möchte, dann lese er flüssig ohne abzusetzten folgende Tempelnamen: Abeyadana-Tempel, Ananda-Tempel, Bupaya-Pagode, Dhammayangyi-Tempel, Dhamma-yazika-Tempel, Gawdawpalin-Tempel, Gubyaukgyi-Tempel, Htilominlo-Tempel, Kyauk-Gu-Umin-Tempel, Lokananda-Tempel, Lemyethna-Tempel, Manuha-Tempel, Mingalazedi-Tempel, Nandamannya-Tempel, Nanpaya-Tempel, Nat Hlaung Kyaung-Tempel, Nat-Htaunk-Kyaung-Kloster, Ngakywenadaung-Stupa, Payathonzu-Tempel, Pitakat Taik-Tempel, Pyathada-Tempel, Sein-nyet Ama-Tempel, Nyima Pagode, Shwegugyi-Tempel, Sulamani-Tempel, Tan-chi-daung-Tempel, Tayokpye-Tempel, Thambula-Tempel, Thamya-Tempel, Tharaba-Stadttor, Thatbyinnyu-Tempel, Tu-win-daung-Tempel, U Pali Thein-Tempel. So, das wären dann wohl die wichtigsten Bauwerke und erhlich gesagt, kann ich mir eigentlich nur die vier größten merken, denn zwischen den o.g. Bruchbuden stehen noch gefühlt Hunderte kleiner und großer, komplette und abbruchreife Tempel- und Pagoden rum, sodass man als reisendes Bleichgesicht nahezu ahnungslos in Kulturstress gerät. Also brauchen wir Abwechslung durch etwas normales asiatisches Leben, so was wie Verkehrschaos, unübersichtliche Marktsituationen oder etwas Nervenberuhigendes, wie eine 6köpfige Großfamilie mit Hund und Einkäufen auf einer 25ccm Honda Spirit, die mit fulminanten 25 km/h durch die überfüllten Marktgassen pflügt! Normal halt!




   Nr. 5 bringt uns lebend in die “Metropole” Nyung U, die schon zur Division Mandalay gehört. Division Mandalay klingt etwas militärisch, aber immerhin hatten die Burmesen ja auch 50 Jahre Militärdiktatur, was den Verwaltungsslang nicht gerade zivil macht. Obwohl Nyaung U die Großstadt vor Ort ist, ist es mehr so ein Dorf und ziemlich laid back! Meiner Erfahrung nach sind Städte, die durch eine Gnade des Schicksals neben einem geocultural landmark liegen, immer recht entspannt. Wenn man von Delhi oder Hongkong kommend in Xi An aus dem Flieger steigt, kommt dem geneigten Bleichgesicht die hiesige Lebensgeschwindigkeit vor, als würde man durch die Innenstadt von Niederkaltenkirchen fahren. Denn der gemeine Einwohner von Xi An weiß natürlich, dass es nur eine tönernde Armee gibt und deshalb die Touristen unaufhörlich strömen und harte Währungsdollar in die Kassen dieser durchschnittlichen Millionenstadt spülen, ohne die übliche konkurrenzbehaftete Jagd nach dem Souveniropfer.   

   Zentrum von Nyaung U ist ein Kreisverkehr, der direkt neben der Markthalle liegt. Es ist so wenig Verkehr, dass es scheinbar immer nur ein Fahrzeug in diesem Kreisel gibt, dessen Belag derartig staubig ist, dass man sich wahrlich fragt, wie langsam die Autos hier sein müssen ohne die geringste Staubwolkenbildung. Wir lassen Nr. 5 in Obhut einer Bäckerei und machen uns auf in die Markthalle. Nun ja, Markthalle trifft es nicht so richtig, hm, wie soll ich es ausdrücken? Eigentlich sind es einzelne überdachte Reihen, deren Dächer mit blauen und dunkelgrünen Planen verbunden wurden, damit der Regen die Gänge nicht in schmierige Schlammpfade verwandelt. Leider hängen die meisten Planen so tief, dass ich, trotz eingezogenen Kopfes, hier und da darin stehendes Regenwasser den nötigen Schubser verpasse und Miniflutwellen erzeuge. Natürlich werde ich umgehend zum Marktbesucher des Monats gekürt, doch erfreulicherweise sind die Burmeses entspannt und nicht nachtragend, sodass sie meinen Auftritt mehr so als Soap-Comedy nehmen und mich meiner Tolpatschigkeit wegen belächeln.



   Der Markt von Nyaung U hat alles zu bieten, was ein zünftiger asiatischer Markt so braucht. Enge kleine Gassen, extrem improvisierte Verkaufsflächen - von recyceltem Pappkarton von der Straße bis hin zu hölzernen Ständen, derem kolonialen Charme man sich kaum ent- ziehen kann - lautes fremdartiges Gebrabbel vollen Emotionen, exotische Farben und Formen und nicht zuletzt ein buntes Vielvölkergemisch, denn Burma ist ein Minoritätenstaat. Die Kommunikation ist ebenso vielfältig wie die Anzahl der unterschiedlichen Gesichter und Volksgruppen. Da gibt es Menschen aus der Shan Region, dem Nordosten zur Grenze von China - entlang der einst  abenteuerlichen Schmugglerroute, der Old Burma Road. Schüchterne Bamar-Mädchen, deren Vorfahren irgendwann mal von den kalten Füßen in Tibet genug hatten und sich dann ins subtropische Land am Meer begaben, Männer der Mon, deren Heimat sich im Südosten an der Grenze zu Thailand befindet und sprachlich eigentlich bis zur Khmerkultur Kambodschas reicht, ähnlich wie die Karen, deren Wurzeln in den Bergen Thailands liegen. Farbenfroh gekleidete Jingpo oder Kachin, deren kulturelle Herkunft tief im chinesich-indischen Raum verankert ist, bilden die verspielten Quotenfarbtupfer in der wogenden Masse der Marktbesucher. Am hinteren Ende des Marktes gibt es ein Areal mit Restaurants und Handwerksbetrieben, die allerlei Haushaltsgegenstände herstellen, unter anderem auch ein Teehaus. Wir haben es das kleine grüne Teehaus genannt, weil es so cosy ist, dass man gleich ein Kamerateam und Marlon Brando vermutet, der als Japaner Sakini maskiert seine komödiatischen Talente darbietet, bis der Regisseur




“Cut” ruft. Die gesamte Holzeinrichtung ist in verschiedenen Grüntönen gehalten, deren Patina nur über Jahrzehnte intensiver Nutzung entstanden sein kann. Das einfache Holzmobiliar ist so zurückhaltend, dass man  sich unwillkürlich nach Okinawa oder Kyoto versetzt fühlt. Wir sind die einzigen Gäste und so nimmt der Besitzer sich richtig Zeit für uns, doch eine intensive Kommunikation scheitert an den mangelnden Englischkenntnissen unseres Gastgebers oder unseren mangelnden Burmesischkenntnisse - je nachdem, wie man es nimmt. Über jedem Tisch hängt an einem Gummiband, das meist aus alten Fahrradschläuchen hergestellt wurde, ein Feuerzeug. Hier wird überall gequarzt, was das Zeug hält, aber komischerweise hat niemand ein Feuerzeug parat. Vermutlich kann man(n) im Longhi einfach kein Feuerzeug verstecken, von Zigaretten ganz zu schweigen. Hier werden Raucherzeugnisse jeder Art ausschließlich einzeln verkauft .... Alles eine Frage des Rocks oder vielleicht doch der Finanzen. Das Irrige an burmesischen Gasthäusern ist, dass man einen schnöden Beuteltee für teuer Geld bestellen muss und der gute chinesische Grüntee kostenfrei auf jedem Tisch steht. Wunder über Wunder des Orients! Wir müssen den labbrigen Lipton bezahlen und bekommen das gute chinesische Zeug dazu ... und dazu noch kannenweise. Aber, da in der Welt des Marketings ja schließlich nichts ohne Hintergedanken gemacht wird, könnte es natürlich sein, dass der Verkauf von Lipton Tea das gewisse Quäntchen des cosmopoliten Auftritts erzeugen soll und der schnöde chinesische Oolong sich dafür so gar nicht eignet. Wer weiß das schon. Gegenüber unseres grünen Beobachtungspostens spielen sich wundersame Szenen ab, denn die gegenüberliegenden Markstände könnten unterschiedlicher nicht sein. In einem Shop hämmert ein alter Mann in einer Kauerstellung, bei dessen Anblick ich schon



Phantomschmerzen in der Hüfte und den Knien bekomme, aus alten Lebensmitteldosen irgendwelche Blechgegenstände für den Haushalt. Direkt nebenan bietet eine Frau, deren Gesicht mit Tanaka-Paste bestrichen ist, Kräuter für die Küche und Betelnuss zum Kauen an. Das Thema Betelnuß bringt mich zu Parodontose! Jawohl, der geneigte Leser hat richtig gehört, Parodontose. Irgendwann in den frühen 80ern gab es eine Zahnpastawerbung, in deren Verlauf man mittels irgendeines Mittels unvermittelt Parodontose sichtbarmachen konnte, die sich dann in großen roten Flächen auf, um und drumherum um die Zähne niederschlug. So in etwa muss man sich das Lächeln der Männer vorstellen, die Betelnüsse kauen und mit breitem Grinsendie ein Knabberleiste entblößen, deren zahnhygienischer Zustand eh schon bedenklich ist und nun darüber hinaus auch noch großflächig rot eingefärbt ist. Klarer Fall von Parodontose, wie der Werbejunkie aus den 80ern weiß. Was genau beim Kauen der Betelnuss passiert, weiß ich nicht - die Aussicht auf rote Zähne verbietet jeden Feldversuch jedoch von vornherein. Anni fand an dieser Stelle außerdem einen ewigen Liebesschwur mit rotgeränderten Zähnen eher als Trennungsrund, denn als ritterlichen Gunstbeweis! So habe ich mich mal schlau gemacht, denn die rauen Mengen, mit denen das Zeug verkauft, gekauft und gekaut wird ,macht das reisende Bleichgesicht halt neugierig. Überwiegend handelt es sich bei den Wirkstoffen der Pflanze um Alkaloide, der Gehalt beträgt dabei 0,3–0,6 %. Das Hauptalkaloid ist hierbei Arecolin, daneben sind Arecaidin, Arecolidin, Guvacolin und Guvacin vorhanden. Werden die Nüsse zerkaut, erfolgt teilweise eine Hydrolyse von Arecolin zu Arecaidin. Echt? Okay? Nein wirklich, jetzt sehe ich klarer. Weiter heißt es da: Der Konsum von Betelnüssen führt zum einen zu vermehrtem Speichelfluss und Wohlbefinden. Zum anderen dämpft er den Appetit. Die Wirkung ist ähnlich der von Alkohol. Weitere typische Symptome sind Übelkeit, starkes Schwitzen sowie ein Brennen im Mund- und Rachenraum. In einer hohen Dosis führen die Nüsse zu Bradykardie, Zittern, Erbrechen, Verwirrung, Krämpfen und Durchfall. Tod durch Atem- oder Herzstillstand kann die Folge sein.



Wohlbefinden und sabbern, so so, interessant fand ich den Nachsatz, „findet (...) auch in der Tiermedizin Anwendung!“ Naja, was soll ich sagen.... erklärt Einiges. Natürlich ist das hier nur eine dritte Handerfahrung und der kritische Leser wird sicherlich nur verifizierte Ergebnisse einer wissenschaftlich fundierten Erststudie akzeptieren, doch in Anbetracht des tiefenpsychologischen Traumas, welches die prägende Zahnpastawerbung in meiner frühen Kindheit ausgelöst hat, ist mit Erstehanderfahrungen in der Causa „Betelnusskauen“ meinerseits nicht zu rechnen!

   Also zurück zum Markt von Nyaung U. Das Zeug wird da in Nuss- oder Blattform tonnenweise auf den Markt geschmissen und jeder zweite Kerl, besonders unter den Taxifahrern, hält pausenlos am Straßenrand, um beim Betelnussdealer sein Wohlbefinden käuflich zu erwerben, nebst roter Zähne - versteht sich! Unser Tee wird von merkwürdigen Szenen begleitet, etwa die Fragestellung, wie hoch kann man Eierpaletten auf einem Fahrradgepäckträger stapeln oder wie viele Hühner lassen sich, an den Füßen zusammengebunden, mit einer Honda Spirit 25ccm heim transportieren. Irgendwie ist so ein Markt in der Fremde schon ziemlich faszinierend, obwohl es ja eigentlich kaum Unterschiede in der Sache als solches zum heimischen Markt gibt. Es gibt Waren aller Art, überregional wie regional, Menschen kommen, man handelt, kauft und Menschen gehen. Eine Jahrhunderte alte Tradition weltweit, die eigentlich immer den gleichen Verlauf aufweist. Während wir da so mit unverschnittener Neugierde an der fremden Produktpalette durch die Warenauslage stolpern, landen wir in der Fleisch- und Fischabteilung. Aufgrund mangelnder Kühlungsmöglichkeiten verbreitet sich ein Geruch, wie soll man ihn nennen, hm ... schwierig, er verursacht leichte Würgereize im hinteren Bereich der Kehle mit gleichzeitiger Schweiß- perlenbildung im hinteren Haaransatz. Dazu gesellt sich urplötzlich ein dumpfes Ziehen in der Magengrube, dessen Dumpfheit dem unerlaubten Tiefschlag eines irischen Preisboxers nicht unähnlich ist. Die Zunft der burmesischen Fleischfachverkäuferinnen ist eine eigenwillige Art Marktbeschicker. Da hocken ältere, unfassbar farb-lich und ornamental bunt gekleidete, Damen auf einem 20 cm hohen Holzhocker, dessen rustikale Abnutzungs-



erscheinungen in heimatlichen Heritageläden Höchstpreise erzielen würden, inmitten von Fleischstapeln. An antiquierten Fleischerhaken baumeln skelettartige Tierhälften, im Vordergrund sind die besten Teile selbiger aufgetürmt, gerupfte Hühner mit eingedrehten Hälsen und die gesamte Palette innerer Organe sind ordentlich und sauber getrennt angeordnet, dass jeder heimische Pathologe neidisch wäre. Dazu wird laut und unge- hemmt gebrabbelt, gestritten und viel gelacht - meistens über meine elefantöse Erscheinung inmitten dieser filigran gebauten Wesen, deren Hosenbundgröße auch im hohen Alter nicht mal annähernd die 30 überschreiten wird. Nun ja, dass es ein erhöhtes Insektenaufkommen in dieser ungekühlten Atmosphäre gibt, brauche ich wohl nicht zu erwähnen, denn große Fliegenschwärme, deren Erscheinungsbild an eine alttestamentarische Heuschreckenplage erinnert, haben sich auf dem tierischen Handelsgut niedergelassen. Der flaue Magen bringt uns einen Gang weiter in den Beauty- und Welnessbereich. Hier, lieber Leser, kommen wir zu einem uralten burmesischen Brauch - der Tanakapaste! Das eigentlich überall in Asien gängige Schönheitsideal ist eine blasse Haut. In einer sehr komischen soziokulturell entstandenen Gleichung von blasse Haut = wenig körperliche Arbeit =wenig Sonneneinstrahlung = mehr geistige Arbeit = Wohlstand führt zu der irrigen Annahme, dass einem wasserleichenäquivalenten Teint jeglicher monetärer und marketingtechnischer Tribut gezollt wird. Da kommt in Burma die Tanakapaste ins Spiel: Die Paste wird aus der Rinde oder der Wurzel von Bäumen aus der Familie der Rautengewächse gewonnen. Der geneigte Leser kann jetzt wieder normal atmen - ist kein Allgemeinwissen, sondern musste auch meinerseits nachgelesen werden. Die Rinde kann man überall in Burma kaufen, wie auch den dazu notwendigen Reibestein, den Kyauk Pyin.



Zerreiben, Wasser dazu und schon ist das “burmesische Make up” fertig. Alle, Männer, Frauen, jung und alt, einfach alle benutzen Tanakapaste. Zeigt man unfreiwillig an diesem Brauchtum Interesse, zack, schon hat Anni das Zeug auf der Wange. Als Mann ist man hier sofort in der Zwickmühle und kann nicht gewinnen, denn nachdem Entfernen will die geneigte Frau ja wissen ob es gewirkt hat ... wie gesagt man(n) kann hier nur verlieren ... Üblicherweise sagt man, dass der Gebrauch von Tanakapaste die Haut strafft, reinigt, Hautalterung verhindert und darüber hinaus auch gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit  und - man höre und staune - gegen Insekten hilft! Tja, man(n) kann bei der Wirkungsnachfrage seitens der Damen nur verlieren! In dieser Abteilung des Marktes gibt es einfach alles, was das Beautyherz begehrt, Tanaka in jeder Form, für jeden Geldbeutel und natürlich in jeglicher Verpackung, vom Plastikbeutel bis zur schwarzgoldenen Premiumverpackung. Wir verschieben den Ankauf großer Mengen der pastösen Schönheitshilfe und Nr. 5 bringt uns wieder in Richtung der Ruinen, um ungehindert und ungehemmt auf einem der unzähligen namenlosen Gemäuer, fern der üblichen Touristenmengen, einen kitschigen Sonnenuntergang voller illusorischer Romantik und Schönheit zu erleben.








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