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Dämmerung Am Mount Everest . . .

  • Autorenbild: Ingo
    Ingo
  • vor 4 Stunden
  • 10 Min. Lesezeit

Depesche 06 - 27. Juli 2026

Vom Mount Everest nach Saga

5200 Meter über NN




Der Himmel ist noch blau-schwarz, als wir uns nach einer schlaflosen Nacht erneut in Tal aufmachen. Es sind kaum Menschen unterwegs. Noch herrscht Stille im Everest Base Camp. Jeder Schritt fällt mir schwer, ich muss mich richtig auf die Atmung konzentrieren und die 200 Meter von unserem "Hotelzimmer" scheinen eine kaum zu über windende Distanz zu sein. Wir passieren das gut 120 Jahre alte Rongbuk-Kloster, dessen Gebäude noch tief im Schatten liegen. Das bautechnische Großgerät, wie die massigen chinesischen Radlader erscheinen im Dunkeln, wie eine Ansammlung tibetischer Geister, die sich an den Grundmauern des Klosters zu einem spirituelle Zeremonie verabredet haben. Zunehmend verliert der Himmel seine Schwärze und die Woken, die schnell durch die Täler ziehen, liegen bedrohlich tief über den Bergspitzen. Als wir das Feld der Steinmänner erreichen, lassen sich bereits Teile der massigen Everest Nordwand und des Rongpu-Gletschers erkennen. Dämmerung am Mount Everest . . .



Ziemlich erschöpft lassen wir uns wieder auf "unserem" flachen Stein nieder und warten auf den Sonnenaufgang. Neben uns gibt es nur ein paar andere Frühaufsteher, sodass nur das Rauschen des Gletscherflusses und das sanfte Singen des Windes zu hören ist. Die Wolkenbänder sind so dicht, dass sie immer wieder nur verschiedene Teile des Nordostgrates freigeben. Es ist ziemlich kalt und ich bin froh, dass ich meine - wie Anni sie immer nennt - Puffpaff-Jacke angezogen habe. Auch, wenn die Wolkenmassen mal dünner und dicker sind, ist ein Blick auf den gesamten Berg nicht möglich. Das heller werdende Licht gibt immer wieder den Bilck auf den 7.543 Meter hohen Changtse frei und auch die gegenüberliegenden, drei hohen Gipfel von Guanming Peak (65.33 Meter), Lingtren (6.714 Meter) und Khumbutse (6.636 Meter), die die westliche Seite des Rongpu-Gletschers begrenzen, werden langsam sichtbar. Auch hier und da werden die Konturen des Everest mal mehr mal weniger wahrnehmbar.



Es fühlt sich einfach skurril und völlig surreal an, dass wir hier auf einem Steinsitzen und beobachten, wie die Dämmerung in den Sonnenaufgang übergeht. Hier, an diesem Ort. Ich meine, wir sitzen am Mount Everest! Wie krass ist das, bitte schön? Was soll ich sagen? Es gibt Orte, deren Namen man kennt, lange bevor man sie tatsächlich besucht. Der Mount Everest gehört dazu, soviel ist mal sicher. Schon als Kind weiß man, dass er der höchste Berg der Erde ist. Später, in der Schule begegnet er einem in Atlanten, Dokumentarfilmen und Reiseberichten. Im Grunde meines Herzens habe ich nie damit gerechnet einmal so nah an dieser Höhe zu sein. 8.848 Meter - das ist tatsächlich eine dieser Zahlen, die ich nie vergessen habe, ja sogar eine jener Zahlen, die sich selbst in meinem unmathematisch ausgerichtetem Hirn festgesetzt hat. Was meinen Mathelehrer sicherlich nachträglich freuen dürfte, wo ich noch nicht einmal mit seinem Lieblingsthema Sinus und Cosinus etwas anfangen konnte. Aber 8.848 Meter ist für mich ein, nun ja wie formuliere ich es? Ein abstraktes Superlativ. Zumindest bist heute morgen. Denn nun sitze ich hier und harre darauf, dass die ersten Sonnenstrahlen über die hohen Berggrate des östlichen Kangshung-Gletschers scheinen und den nordöstlichen Grat des Mount Everest beleuchten. Irgendwie hat diese Zahl heute morgen seine Abstraktion verloren . . . Im Kern ist das übrigens genau der


Anmerkung zur Karte: Wir schauen genau von "links" "über" den Rongpu-Gletscher auf die Nordseite des Everest.


Unterschied, von unserer Sicht auf den Mount Everest zur tibetischen Sichtweise auf den Berg. Für uns ist er eine Dimension, deren Wert sich in seiner Absolutheit manifestiert. Mount Everest kündet für uns von superlativer Messbarkeit, Bezwingbarkeit und Anspruchsdenken. Alles was ich über den Mount Everest gelesen haben, dreht sich fast ausschließlich um den Wettlauf, wer denn nun der erste Mensch auf dem Gipfel gewesen ist. Und natürlich auch die damit verbundene Frage nach der "bezwingenden" Nationalität. Ich habe gelesen, das selbst die Tatsache, dass ausschließlich nur das Foto von Tenzing Norgay auf dem Gipfel 1953 existiert, die Frage aufwirft, ob Tenzing oder Hillary den ersten Fuß auf 8.848 Meter setzten. Was soll ich sagen? Manchmal ist unserer westliche Welt so von seinem wertenden Wettbewerbsgedanken durchdrungen, dass man einfach das wesentliche des Menschseins vergisst.



Chomolungma. So nennen die Tibeter den Mount Everest. Der tibetische Name ist Jahrhunderte älter als seine westliche Bezeichnung und steht in Verbindung mit der buddhistischen Schutzgöttin Jomo Miyolangsangma. Frei übersetzt kann das als „Muttergöttin der Welt“ verstanden werden, habe ich zumindest irgendwo gelesen. Dies schein eine Vereinfachung zu sein, denn laut Kunchok soll der Name vielmehr auf diese Gottheit verweisen, die in der religiösen Überlieferung der Region mit dem Berg verbunden ist. Aha, so so. Chomolungma klingt für mich irgendwie besser, oder besser formuliert, richtiger als Mount Everest. Denn „Mount Everest“ klingt irgendwie nach Landkarte, Vermessung und Geografie - Leistung. Chomolungma klingt hingegen nach einem Ort, der schon einen Namen besaß, lange bevor irgendein Westler ihn zu vermessen suchte. Die Geschichte seines westlichen Namens beginnt im 19. Jahrhundert mit der Great Trigonometrical Survey of India, was wohl ein gigantisches britischen Vermessungsprojekt gewesen sein muss. Wenig romantisch - wie ich finde - wird der Chomolungma zunächst als Peak XV gelistet. Klingt nach einer ordentlich-britisch korrekten und antiquierten Excel-Liste, soviel ist mal sicher

1856 publizierte der Survey of India eine berechnete Höhe von 29.002 Fuß und identifizierte Peak XV damit als höchsten bekannten Berg der Erde. Ich musste übrigens erst einmal nachschlagen, was sich hinter dem Begriff „Survey of India“ verbirgt. Das ist die Zentrale nationale Behörde Indiens für Geodäsie und Kartographie. Aha, so so. Die sind zuständig gewesen für die Erstellung topografischer und geografischer Karten des gesamten indischen Staatsgebiets in verschiedenen Maßstäben, für die Durchführung von Höhen- und Lagevermessungen sowie geophysikalischen Studien in ganz Indien und, man höre und staune, auch für die Festlegung offizieller Schreibweisen von Ortsnamen sowie Gezeitenberechnungen und die Herausgabe von Gezeitentabellen für zahlreiche Häfen. Also, Peak XV! Was soll ich sagen, da waren bestimmt ein Haufen Mathematiker, Physiker und Geografen beschäftigt. Und einer von den super wichtigen Herren war George Everest, der spätere Sir George Everest übrigens, zu dessen Ehren der Peak XV 1865 in Mount Everest umgetauft wurde. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat der gute George E. selbst mit dem Berg allerdings wenig zu tun gehabt und dürfte ihn darüber hinaus auch nie gesehen haben. Na, wenn das keine koloniale Absurdität ist, dann weiß ich es auch nicht: Der höchste Berg unseres Planeten trägt auf unseren Landkarten den Namen eines britischen Vermessungsfuzzies, der Tausende Kilometer entfernt gearbeitet hatte. Wunder über Wunder des Orients!



Ganz plötzlich kann ich meinen Augen nicht trauen. Mit den ersten rötlichen Strahlen der aufgehenden Sonne, reißen die Wolkenbänder auf und die massige Silhouette des Chomolungma wird sichtbar. Wir können unser Glück gar nicht fassen. Der stetige Westwind treibt die Monsoonwolken durch die Täler und innerhalb von Minuten verändert sich die Sicht auf den 8.848 Meter hohen Gipfel. Wir halten gebannt die Atem an, denn das



Naturschauspiel wird vermutlich nur wenige Minuten andauern. Wenn ich mich richtig erinnere ist der Mont Blanc rund 4.806 Meter hoch. Wir stehen auf gut 5.200 Metern, also bereits mehrere hundert Meter höher als der höchste Gipfel der Alpen. Nur dass es sich hier nicht wie ein Gipfel anfühlt. Wir stehen unten, und über uns liegen noch rund 3.700 Höhenmeter bis zum höchsten Punkt der Erde. Beim Blick auf diese massige Nordwand, verändert sich diese Relation. Auch wenn die dunklen Wolkenbänder uns keinen komplett freien Blick auf den Berg ermöglichen,



erscheint aber die Nordseite des Chomolungma eine ganz andere Wirkung zu haben, als viele andere klassische Ansichten des Mount Everest. Mir erscheint sie viel weniger gefällig, weniger romantisch. Der Berg erhebt sich breit, scharfkantig und mächtig über dem Rongbuk-Tal. Gletscher, Geröll, Eis, Fels. Keine Landschaft, die sich anbietet. Trotz der Schroffheit der östlichen und westlichen Felsgrate, dem ewigen Gletschereis, dessen Rauheit jeden abschrecken muss und der generellen lebensverneinenden Aura, die diesen Berg heute morgen umgibt, sind wir fasziniert und können uns nicht losreißen. Ein rötlicher Schimmer überzieht Schnee- und Eisflächen, sodass zu dem kalt-blauen Farbspiel nur wenige Minuten zuvor, sich eine warme Nuance über die Steilhänge legt. Was soll ich



sagen. Ehrlich gesagt bin ich den Tränen nahe. Warum, ist nicht zu erklären, einfach aufwallende Emotionen, die mich bis ins tiefste meiner Seele treffen. Ein unglaubliches Glücksgefühl überkommt mich. Hier zu sitzen, dieses Naturschauspiel sehen zu können. Gleichzeitig frage ich mich, was Menschen antreibt, diese menschenfeindliche Umgebung zu durchwandern und auf den Gipfel kommen zu wollen? Ich habe endlos viele Bericht und Interviews mit Menschen gelsehen oder angesehen, die immer davon sprechen, den Mount Everest zu „bezwingen“. Je länger wir hier sitzen und auf die sich ständig ändernden Ansichten des Chomolungma schauen, desto absurder erscheint mir dieses Vorstellung. Was genau soll ein Mensch hier bezwingen? Aber das, lieber Leser ist sicherlich ein weites Diskussionsfeld und es gäbe Tausende, die mir vehement wiedersprechen würden. Mir gefällt die Ansicht der Tibeter, dass der Natur ein Geist innewohnt. Nicht so animistisch gesehen, mehr so im buddhistischen Sinne . . .



Es wird heller. Das feine rötliche Licht verblasst und die Farbe des Himmels beginnt sich tiefer Blau zu färben. Lange kann es nicht mehr dauern und die ersten Sonnenstrahlen werden über die Berge fallen. Immer noch können wir die Silhouette des Chomolungmas deutlich in den ziehenden Wolken sehen. Lieber Leser, ich kann verstehen, wenn meine Faszination im Text nicht so richtig rüberkommt. Hunderte von Bildern hat man bestimmt im Laufe seines LEbens vom Everest gesehen. In unseren medialen Zeiten vermutlich mehr als das. Und immer ist das abstrakt. Absurd abstrakt eigentlich. Und nun sitzen wir hier, mehr als fünf Kilometer über dem Meeresspiegel, und schauen auf einen Berg, dessen Gipfel noch einmal fast vier Kilometer höher liegt. Wie gesagt 8.848 Meter ist eine von mir gut memorierte Zahl, doch, hier verliert sie an bedeutung, denn ausschließlich die Dimension bleibt zurück. Die Erhabenheit des Moments, die Farben, das Licht, selbst die Wolken, die diese Morgenstimmung für uns unvergesslich machen wird, bewirkt außerdem noch ein Loslassen. Hier oben schrumpft irgendwie alles, hab ich



den Eindruck. Der Mensch hat eine erstaunliche Begabung: Wir machen uns gern zum Mittelpunkt unserer Welt. ICh nehme mich da nicht aus, Termine sind wichtig, alltägliche Sorgen und Probleme sind wichtig. Wir machen unentwegt Pläne, denn sie sind Guidelines unseres Daseins. Wir bauen mal Häuser und mal Luftschlösser, sammeln Dinge, führen endlose Diskussionen, schreiben unzählige Mails, ärgern uns über Verspätungen der Bahn und verbringen erstaunlich viel Lebenszeit damit, Passwörter zurückzusetzen. Was soll ich sagen? Hier oben schwindet vieles von dem. Natürlich nicht, weil es für mich bedeutungslos wäre. Nein, bei weitem nicht. Doch hier oben, im Angesicht es Mount Everest, des Chomolungma, des Sagarmatha, verändert sich wieder mal mein Lebensmaßstab. Ähnliche Gedanken und Emotionen hatte ich gleichermaßen, als wir im April 2024 Zwischen Anapurna und Dhawlagiri in der nepalesischen Provinz Munstang standen. Und erneut türmt sich vor uns in schwindelerregnder Höhe Gesteinsmassen, bedeckt von glitzerndem Schnee und Eis, welches durch sich die Kollision der indischen und eurasischen Kontinentalplatten aufwarf. Ich habe gelesen, dass diese Prozesse, seit vielen Millionen Jahren andauern und den Himalaya bis heute verändern. Die indische Platte schiebt sich jährlich etwa immer noch bis zu 3 cm unter die eurasische Platte und damit verschiebt sich auch der Everst jedes Jahr. Mal ehrlich, was ist dahingegen unser Menschenleben in dieser Zeitspanne . . . Fragen über Fragen des Orients.



Als die ersten warmen Sonnenstrahlen den östlichen Grat des Everest bescheinen, ziehen sich die Wolkenbänder um den Gipfe zu. Lediglich auf die Spitze des Changtse können wir hin und wieder einen Blick werfen. Das warme Sonnenlicht macht die Konturen seltsam klar und das Spiel von Licht und Schatten erzeugt einen spannen Kontrast zwischen Felsen und Eis. Neben uns steht ein niedriger Drahtzaun, der verhindern soll, dass man auf eine neu getreerte Straße oder wahlweise in den Gletschfluss des Rongpu stürzt. Bei chinesischen und indischen Touristen muss man immer vom größtmöglichen Konflikt- und Desasterpotenzial ausgehen. Doch heute morgen flattern die tibetische Gebetsfahnen im Morgenwind. Die höhergestiege Sonne lässt die ganzen Steinmännchen im Morgenlicht




erstrahlen. Wie an allen Bergpässen, Übergängen und landschaftlich bedeutenden Orten Tibets, so stehen auch hier sogenannten Laptse. Das sind auf einandergetürmte Steinhaufen. Ein Stein, den ein Reisender zu einem bestehenden Steinhaufen hinzufügt, bedeutet im übertragenem Sinne tibetischer Tradition: „Ich bin hier vorbeigekommen. Ich respektiere diesen Ort. Möge meine Reise geschützt sein.“ Der Tibeter errichtet an diesen Orten kein Denkmal für sich selbst. Er legt lediglich einen kleinen Stein auf Millionen Tonnen von Fels. Vor der gewaltigen Nordwand des Chomolungma bekommt diese Geste eine sehr spirituelle Dimension, wie ich finde. Ein einzelner kleiner Stein ist winzig, der Mensch daneben noch unbedeutender und über beiden erhebt sich ein Naturwunder, das schon existierte, lange bevor irgendwer ihm einen Namen gab, und der noch lange dort stehen wird, wenn die Namen der meisten Menschen längst vergessen sind. Wunder über Wunder des Orients!



Der Zuber des Moments ist vorbei, der Berg wieder tief in den Wolken verschwunden und natürlich sitzt uns Kunchok im Nacken, der schon zum Aufbruch bläst. Inzwischen sind auch die ersten chinesischen Insta- und Tiktok-Blogger erwacht und samt ihren mobilen Sauerstoffgeräten dabei Content zu produzieren. An den etlichen Granitmonumenten, mit den spezifischen Höhenangaben, wird lauthals fotografiert und gepost. Die Ruhe ist verschwunden und das chinesische Disney-Land hat wieder Oberhand gewonnen.






Langsam, sehr langsam stiefeln wir zurück zu unserem Hotel. Die Wolken verziehen sich langsam von den Berghängen, die das Everest Base Camp einrahmen. Auch diese Gipfel sind gut 6.000 Meter hoch, doch es ist ihr Schicksal, dass sich in Anbetracht der Dimensionen des Chomolungma keiner für sie interessiert. Davei sind es sehr bizarre Fels und Gesteinsformationen, deren warme Brauntöne um ein vielfaches freundlicher anmuten als die vereiste Nordwand oberhalb des Rongpu-Gletschers. Würden sie in den Alpen beheimatet sein, wären ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit gewiss . . .





Als wir am Hotel ankommen, über den grasgürnen Plastikrasen schleichen, zeigt ein Blick zurück, dass die Wolken sich zunehmend des Tals bemächtigen und den Berg mit einem mystischen Schleier belegen. Es hilft nichts. Auch, wenn Kuchok nichts sagt, so ist seine Aufbruchsstimmung zu merken. Gott sei Dank, hatten wir schon um 4 Uhr morgens gepackt, sodass wir nur unseren Rucksack holen müssen und Richtung Van latschen. Wir fahren heute wieder anvisierte 450 Kilometer - 10 bis 11 Stunden ist Kunchoks Ansage - und bleiben in Saga. Soll mir recht sein, denn ich habe viel Stoff zum Nachdenken und eine ausgedehnte Fahrt durch die unendliche Weite des tibetischen Hochlandes kommt mir das sehr gelegen . . .





Was für uns von diesem Morgen am Mount Everest bleibt, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Wirklich, lieber Leser, es fällt mir schwer, das alles was wir heute morgen erlebt haben, in die geeignete Form zu bringen. Es ist weniger das Bild des Berges als das Gefühl, das der Anblick hinterlässt. Diese ersten Minuten des Tages, das Erwachen dieser erstaunlichen Bergwelt, die Kälte, die Stille, der Wind, die ziehenden Monsoonwolken und schließlich einen Blick auf diesen Gipfel haben zu können, hat etwas in mir verschoben. Soviel ist mal sicher! Für einen kurzen Augenblick verlieren die Dinge, die zu Hause so wichtig erscheinen, ihre Bedeutung. Sorgen, Termine, Erwartungen – vor dieser gewaltigen Kulisse schrumpfen sie auf, auf, ja auf was eigentlich? Vielleicht beschreibe ich es so: Sie schrumpfen auf einerstaunlich vernünftiges Maß. Darin liegt das eigentliche Geschenk dieses Morgens, wie ich finde: die Erkenntnis, wir sind klein, doch diese „Kleinheit“ fühlt sich nicht bedrückend an. Im Gegenteil. Ich fand es befreiend, nicht der Mittelpunkt der Welt sein zu müssen (oder auch zu wollen). Trotz der großen körperlichen Erschöpfung fühle ich mich seltsam ruhig und geerdet. Außerdem spüre ich eine leise Gewissheit, dass wir gemeinsam einen seltenen und glücklichen Augenblick erleben durften, den man nicht einfach fotografiert und mit nach Hause nimmt. Ich glaube, wir werden diesen Augenblick immer in uns tragen. Bonne nuit folks!



 
 
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