top of page

Der öffentliche Pavillon ist jetzt privatisiert . . .

  • Autorenbild: Ingo
    Ingo
  • 12. Aug. 2017
  • 7 Min. Lesezeit

Depesche 12 - Amarapura - 2016




Plötzlich sind wir wieder im Chaos! Kaum sind unsere Taxifahrer aus dem Kreisverkehr vor dem Hauptbahnhof wieder raus und auf der Straße nach Süden, geben sie Gas - gut eine 25er Honda Spirit, die zudem auch noch mit einem stämmigen Bleichgesicht beladen ist, kommt da schon mal an ihre Hubraumgrenze. Doch bewegen wir uns einem riesigen Fischschwarm gleich umringt von tausenden Mopedfahrern durch das Verkehrsatoll Mandalays. Der Schwarm zieht in eine grobe Richtung und nach einem mir völlig unverständlichen System und in einer schier überschallähnlichen Geschwindigkeit gesellen sich Mopedfahrer diesem rollenden Kosmos hinzu oder verlassen ihn, in jede Richtung und von allen Seiten gleichzeitig. Erstaunlicherweise kommt das Heer an Mopedfahrern an roten Ampeln zum Stehen, was aber auch das einzige Zugeständnis an die hiesige Vorstellung von Verkehrssicherheit ist, wobei sich hier und da Schwarmmitglieder einfach rübermachen, um auf der anderen Seite der Kreuzung einen neuen Schwarm zu finden. Die 11 Kilometer nach Amarapura bieten mir die Möglichkeit, mit der Kamera Glanzstunden des burmesischen Verkehrssystems aufzuzeichnen. Besonders eindrucksvoll ist die Aufnahme, als mein Taxifahrer während der Fahrt seinen Facebookaccount abruft und die neuen Posts durchscrollt. Schlagartig wird mir heiß und kalt, ein spontaner Krankenhausaufenthalt in Mandalay materialisert sich vor meinem geisitigen Auge, aber im Grunde ist meine Sorge unbegründet. Es sind schließlich so viele Mopedfahrer auf der Straße, dass wir eh nicht umkippen können. Sprichwörtlich Lenkerende an Lenkerende - umfallen unmöglich! Die Sorge des Bleichgesichts ist wieder mal unbegründet im Angesicht dieses feinen ausgereiften Systems zur allgemeinen Verkehrssicherheit! Also Problem yok!!!




   Um Punkt 8 Uhr morgens stehen wir, wenn auch etwas windzerzaust und zittrig in den Beinen, gemeinsam an der U-Bein-Brücke von Amarapura. Der Begriff gemeinsam hat hier eine besondere Bedeutung, denn mitunter war Annika mit ihrem Taxifahrer in der Dichte des Schwarms verschwunden und über weite Strecken gar nicht mehr in meinem Blickfeld. Aber lag bestimmt nur daran, dass sie auf dem PS-stärkeren Gefährt saß und ich einfach den dicken, schweren Fahrer abbekommen habe....

   Es ist Hochwasser, klar - Regenzeit - und all die Wolken, die über der trockenen Hochebene von Bagan abgeregnet sind, hängen schwer über Mandalay und warten nur darauf, ihre schwere Last los zu werden. Der Taungthaman-See ist randvoll, die Ufer überspült und etliche Restaurants, die das Ufer mit Blick auf die Brücke säumen, sind bist zur Decke geflutet. Drückende Hitze, Windstille, grelles diffuses Licht unter bleischwerem Himmel umfängt uns, als wir den Marsch auf dem 1,6 km langem Bauwerk beginnen. Die Brücke verbindet Amarapura mit einem Dorf, in dessen



Mitte der Yanadabon Universitätscampus liegt. Es ist ein wirklich zauberhafter Ort, denn an diesen frühen Morgenstunden herrscht ein reger Austausch auf der Brücke. Mönche eines Klosters aus Amarapura überqueren die Brücke, um ins Kloster auf der anderen Seeseite zu gelangen, Studenten, bewaffnet mit den obligatorischen schwarzen Laptop-Taschen, schieben ihr Rad über die holprigen querverlegten Bohlen, Gruppen von Frauen transportieren in schwindelerregenden Balanceakten Körbe mit Irgendwas darin auf den zarten Köpfen über den unebenen Untergrund, Händler tragen Waren von einer Seeseite zur anderen und Fischer beginnen in bunt bemalten Booten ihr Tagwerk auf dem See. Hier pulsiert das Leben, die Brücke bietet Mobilität, hier suchen Menschen Glück oder nur einen Moment lang Stille, sie garantiert Austausch - sei es Kommunikation oder Lebensmittel, sie verbindet, kürzt ab, bringt Menschen einander nahe oder entfernt sie, sie ist ein verbindendes Symbol für einen nie endenden Weg der Menschen zueinander auf den wirren Pfaden ihres Lebens. Nichts beeinträchtigt die regen, sich täglich wiederholenden Abläufe der Menschen, die von einer Seite zur anderen eilen, jeder tief in Gedanken seines Schicksals versunken.Mit seinem splissigen Holz und den verzogenen Planken gleicht der Anblick der Brücke einer gefurchten Lebenslinie in der Hand eines alten Fischers, die seit Jahr und Tag unaufhörlich mit den harten Fasern seiner Netze zu kämpfen hatte. Hier und da wurden Planken oder Pfähle ersetzt - dem rauhen Klima- und Witterungswechsel geschuldet - und so leuchtet das frische Holz noch zwischen den wettergegerbten Grautönen hervor und erinnert an den Stellenwert dieser Lebensader durch den bescheidenen Kosmos des dörflichen Daseins. Seit Jahrhunderten trägt das marode Holz tagtäglich den Klang tausender Schritte von Planke zu Planke weiter, bis er sich auf die Wasseroberfläche fortgepflanzt hat und schließlich in den Wassern des Sees in Stille verhallen. Fast geräuschlos gleiten Fischerboote an der Brücke entlang, tauchen leise unter ihr durch und bahnen sich durch die mächtigen Fluten des fast stehenden Sees.




   Direkt zu Beginn der Brücke liegt die kleine, weiß gekälkte Pyi Lone San Dat Paung Su Pagode, die, der Jahreszeit gemäß, ebenfalls komplett von Wasser umgeben ist. Obwohl dieser Ort geradezu nach einer verlangsamten Gangart verlangt, ist ein gemütliches Schlendern eher unangenehm. Die Querplanken sind alle unterschiedlich hoch und streckenweise zu allem Übel auch noch schräg verlegt, wodurch sich für den bleichgesichtigen Schlen-drian sich immer wieder Stolperfallen auftun. Durch eine übermäßige Fischzucht ist die ursprüngliche Strömung des Flusses nahezu zum Erliegen gekommen und führt zu einem etwas modrigen Wassergeruch, der zur Brücke heraufweht. Alle 500 Meter haben die Erbauer einen Pavillon eingerichtet, der als offene und überdachte Fläche daherkommt. Nun ja, lieber Leser, wir wären nicht in Burma, wenn es hier nicht ein paar kleine, aber feine Modifikationen in diesen Pavillons gegeben hätte. Wo früher luftige Verweilmöglichkeiten, kombiniert mit einem unbegrenzten Fernblick Gelegenheit bot, den müden Knochen des beherzten Reisenden eine sitzende Pause zu gönnen, hat der untrügliche Geschäftssinn und der hemmungslose ökonomische Fortschritt der burmesischen Gesellschaft Einzug gehalten. Der öffentliche Pavillon wurde kurzerhand in eine Restaurant-Garküchen-Kunstgewerbemarkt-


Reihenvorhangsiedlung umgewidmet, wodurch zwischen den dachtragenden Stützen mittels gespannter Batiktücher eine adäquate Mehrfamilienbehausung entstanden ist. Gefühlt leben dort mehrere Clans mit mindestens je drei Generationen unter einer Batikdecke und schmeißen eine sehr lukrative Ladenzeile, die keine Wünsche offen lässt. Da gibt es gebackene Flusskrebse, kalte Limonaden - jawohl in einem großen Andaman-Beer-Kühlschrank, Lederwaren, Tücher und darüber hinaus abscheulichste Kleinkunst für die Fensterbank der heimischen Gästetoilette. Alle Generationen sind irgendwie an diesem Unternehmen beteiligt, bis hin zu den Kleinsten, die mit einem langen Brotmesser auf der geländerlosen Brücke spielen. Tja, nur das sicherheitsverwöhnte Bleichgesicht hat offenbar ein Problem, einerseits mit der langen Klinge und andererseits mit einem möglichen ungeschützten freien Fall der Jüngsten in die schmodderigen Fluten des Sees. Die Altvorderen der Sippe juckt weder der Spielort, noch das Spielgerät! Nun ja - cool bleiben, sagte mein alter Oberstleutnant immer, vor allen Dingen dann, wenn es dünn wurde, sehr dünn sozusagen! Ohne ein guter bleichgesichtiger Konsument lokaler Kleinkunst zu sein, tippeln wir auf den unebenen Planken weiter und lassen den zukünftigen Tragödientatort hinter uns, um das Kloster auf der anderen Seite des Sees zu besuchen.





   Durch den feucht warmen Nieselregen gelangen wir über die Brücke auf die andere Seite des Sees. Auf den letzten 100 Metern wurden die tragenden Pfeiler durch ein Betongeländer ergänzt, was, einer Einzäunung gleich, im völligen visuellen Gegensatz zum sonst so offenen Charakter der restlichen Brücke steht. Der stetige Wechsel von Regen und Hitze hat dem Beton so zugesetzt, dass ich mich gar nicht traue, überhaupt eine Hand auf die Brüstung zu legen. Unmittelbar am Brückenkopf ist man um diese Tageszeit dennoch auf der Jagd nach dem schmalen Touristendollar. Ein Nudelfrühstücksschuppen mit frischen, kalten Kokosnüssen, Tür an Tür mit einer Grundschule, auf die Rudel kleiner Burmesen in weiß-grüner Schuluniform zustreben. Etwas weiter finden wir den Eingang zum Kloster mit seiner mächtigen Pagode. Zu dieser unwirklichen Stunde gibt es noch keinen wirklichen Besucherverkehr, was den eingangs rumlungernden Wachhund lediglich dazu bemüßigt, schwerfällig ein Augenlid zu öffnen, um anschließend sogleich in einen komatösen Schlaf zu verfallen - kein Wunder im Angesicht dieses nervenaufreibenden Jobs. Tja lieber Leser, eigentlich würde ich ja gerne mit historisch-kulturellen Fakten prahlen, aber leider habe ich vergessen, jawohl - schlichtweg vergessen - wie dieser buddhistische Backs nun geheißen hat! Aber zu meiner Ehrenrettung muss ich erwähnen, dass Burma ungefähr soviele Pagoden besitzt, wie es in meiner westfälischen Heimat Kaninchen gibt.








   Natürlich hat sie eine vergoldete Krone und ist vollgestopft mit allerlei buddhistischen Devotionalien. Auch hier wieder das allseits beliebte Illuminieren des Buddhakopfes durch ein lustig blinkendes LED-Farbfeuerwerk. Neben dem neumodischen Lichtspiel hat man noch blaspuffrosafarbene Lichtschläuche um das 5 Meter hohe Figurenungetüm drapiert, dass man nicht weiß, ob man sich auf einer 80er Jahre Revival Party befindet, und die Mönche gleich 99 Luftballons von Nena intonieren werden. In den riesigen Fensternischen des äußeren Wandelganges wurden hockende Buddhafiguren aufgestellt, deren Roben alle vergoldet sind. Da es hier kaum englischsprachigen Tourismus gibt, wird uns das Geheimnis dieser Buddhareihung vermutlich für immer verschlossen bleiben. So schlendern wir in asiatischer Gelassenheit an den LED-technischen Errungenschaften modernster Lichttechnologie vorbei, wie auch an den rätselhaften Buddhahäufungen auf diversen Fensterbrettern. Aber die Pagode hat einfach noch mehr zu bieten, als uns zunächst klar ist: Die Decken sind vollständig bemalt! Von Schlachtszenen, über Tierkreiszeichen bis hin zu ländlichem Alltagsgeschehen ist die ganze Deckenfläche mit einer breiten Palette an Erdfarbtönen bemalt. Immer wieder tauchen Elefantendarstellungen und Fischerboote auf, was sicherlich auf den historischen Stellenwert von Fischfang und elefantöser Viehwirtschaft schließen lässt. Alter und Bedeutung der Malerei ist für uns nur schwer einzuschätzen, da das feucht-heiße Klima jede Form von Putz oder gar Freskomalerei den Garaus machen wird. Hübsch anzusehen sind die Farben und Motive auf jeden Fall alle Mal.





   Beim Verlassen des Klosters passieren wir wieder den Haus- und Hofhund, der jedoch in Anbetracht der vernünftigen Tageszeit seinen Dienst aufgenommen hat, auf einem Mauervorsprung aufgereckt rumsitzt und uns finster anstiert. Da wir ja sein Reich verlassen, bleibt er ruhig und im Stillen frage ich mich wieder einmal - wie bei jeglicher Begegnung mit einem herrlosen Vierbeiner in Asien - kommt jetzt unsere Tollwutimpfung zum Tragen?

   Inzwischen ist es nahezu unerträglich feucht-heiß geworden, was ein sicheres Indiz dafür ist, dass der nächste Regenguss im Anmarsch ist. Meistens kühlt es nach einem Regenschauer merklich ab. und dann beginnt sich die Luft wieder feucht-warm zu erhitzen und kurz vor der nächsten Regenperiode ist es unerträglich. Dazu liegen die bleiernden Wolken schwer über dem Taung Tha Man See und es ist völlig windstill. Auf dem Rückweg kommen uns die ersten Touristenströme entgegen und bevölkern die Brücke, was ein relativ unnatürliches Bild abgibt, denn die einheimischen Werktätigen sind verschwunden und haben das Feld dem Kleinkunsttourismus und der Jagd nach dem Dollar überlassen. Wo vorher die gedämpfte Geräuschkulisse der Menschen noch den Klang der Natur zuließ, bestreiten jetzt mehrere chinesische Reisegruppen die Beschallung des Plankenweges.


   Wir bekommen ohne Probleme zwei Motorradrikschas und sind kurz darauf zurück im Chaos nach Mandalay. Obwohl zunächst die Sonne stechend hinter den dunkelgrauen Wolken hervorlugt, schein das Entladen nicht mehr lange zu dauern. Als wir unser Hotel erreichen, beginnt ein unfassbarer Sturzregen, der binnen einer halben Stunde alle Straßen und die halbe Lobby von unserem Hotel überflutet. Die Kreuzung vor unserem Hotel rangiert zu einem Wasserballett. Gut einen dreiviertel Meter steht das Wasser hoch und niemand scheint davon Notiz zu nehmen. Jeder Verkehrsteilnehmer erhöht einfach die Fahrgeschwindigkeit, um mehr Schub für die Wassermassen zu haben und los gehts. Egal, ob Fahrradfahrer, Bus, Taxi, Moped oder Handkarren, alle nehmen die Situation gelassen, wenn auch die meisten völlig durchnässt sind, niemand verliert die Nerven. Wie sich wohl meine Mitbürger bei einer ähnlichen Situation verhalten würden? Wunder über Wunder des Orients!



bottom of page