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Das Jahr des Feuerpferdes . . .

Autorenbild: Ingo
Ingo
vor 3 Stunden
7 Min. Lesezeit

Depesche 08 - 29./30. Juli 2026

Tage in Darchen

4575 Meter über NN




Es ist voll in Darchen. Sehr voll. Denn schließlich schreiben wir das Jahr des Feuerpferdes. Jawohl! Nun, lieber Leser, ich wusste natürlich auch nicht was das so alles bedeutet. So gar nicht! Aber irgendwas muss das Ganze ja zu bedeuten haben, sonst wäre Darchen nun nicht gerappelt voll. Darchen ist das touristische und spirituelle Nadelöhr am Mount Kailash, dem heiligen Berg der Buddhisten und Hindus, wenn nicht sogar in ganz Tibet. Gleichermaßen heilig. Aha, so so. Hab ich von Kunchok in Lhasa gelernt. Der tibetische Buddhismus ist stark durch spirituelle Strömungen aus Indien geprägt. Während unsere Mitreisenden sich gerade um den Kailash kämpfen, sitzen wir im Café und lesen Fachliteratur zur Tibet . . .



    Der Himmel ist wolkenverhangen, die Spitze des Kailash ist nicht zu sehen und immer wieder gehen heftige Schauer über Darchen hinweg. Warum wir nicht um den Berg laufen ist einfach erklärt. Nach den nächtlichen Nahtoderfahrungen ohne Sauerstoff in Lhasa und am folgenden Tag eine daraus resultierende körperlicher Kraftlosigkeit, habe ich für mich entschieden, dass ich nicht an der Kora teilnehme. Dort gibt es in den Guesthouses nachts keinen Sauerstoff und dann kann ich nicht schlafen. Wenn ich nicht schlafe, bin ich morgens derartig ausgepowert, dass es keine gute Idee ist, von 5.300 Meter auf 5.700 Meter hoch zu laufen, um dann wieder auf 4.700 Meter runter zu kommen. Was soll ich sagen. Da ich kein gläubiger Buddhist bin, hat der Gang für mich keinerlei Bedeutung. Anni hat außerdem etwas Nacken und da haben wir entschieden, dass wir im Hotel auf unsere Mitreisenden warten und die Zeit anders nutzen. Zum Beispiel mit gutem Kaffee und einem guten Buch. Oder einfach mal zwei Tage alles verarbeiten, was wir so in der vergangenen Woche alles gesehen und erlebt haben. Und - Tibet ist anstrengend, so viel ist mal sicher. Die permanente Höhe, laugt den westfälischen Flachlandtiroler schon ordentlich aus. Dazu kommen ziemlich viele visuelle Eindrücke, dass ich schwer das Gefühl habe, mein Geist kommt mit der Verarbeitung nicht hinterher. Nein wirklich, mein Reise-Ich ist eigentlich immer sehr gespannt, was die Welt für Entdeckungen bereit hält. Doch Tibet erfordert alle meine Sinne. Auch, wenn der geneigte Leser nun anmerken möchte, dass ich ziemlich viel über die leere Weite geschrieben habe, also das Nichts. Aber, so paradox es auch klingen mag, leere Weite kann visuell und spirituell inspirierend, tiefgehend und damit anstrengend für mein Gehirn sein, was dazu noch unter zunehmender Vergreisung leidet.



So sitzen wir nun in einem Café in Darchen, was gleichermaßen ein wenig musealen Charakter hat. An den Wänden, auf, in die Jahre gekommenen tibetischen Sideboards, oder in farbigen, holzgefassten Vitrinen liegen allerlei traditionelle tibetische Trachten. Die junge Dame, die meisterhaft der italienischen Kaffeemaschine dampfend und zischend, leckeres Koffein entlockt, ist vielfach in der Tracht ihrer Vorväter großflächig abgelichtet. Schwere Silberschnallen, bunte Wollzusammensetzungen und spirituelle Gebetsperlen künden vom traditionsreichen Lebenskonstrukt dieser Bergwelt, die Jahrhunderte lang zu den abgelegensten Regionen unserer Erde zählte. Wenn ich die Augen schließe, lausche und zuhöre, so wäre jenes leise Klingen von Porzellangefäßen auf Untertassen und das kommunikative Stimmengewirr im Raum, die übliche kosmopolite Geräuschkulisse, wie sie in jeder beliebigen Metropole auf unserem Globus verortet sein könnte. Wahrlich. Doch hier ist es irgendwie anders. Das Café ist gut besucht und bietet ein buntes Wimmelbild des modernen Tibet. Neben uns am Tisch hockt ein junger Mann, hinter einer schon vor Stunden geleerten Kaffeetasse und lernt hoch motiviert aus einem Script, alle wissenswerten Details zum Mount Kailash. Offenkundig strebt er den Eintieg ins Guide-Business an. Erschöpfte Inder, denen man die Anstrengungen der Kora ansieht, tibetisch gekleidete Familien und natürlich ein Tisch, an dem einige



uniformierte Männer der Ordnungsmacht sitzen. Die hellhäutige Besitzerin ist bemüht den Spagat zwischen Weltoffenheit, den westlichen Bleichgesichtern gegenüber, einer geschäftsmäßigen Freundlichkeit, offenkundig tibetisch stämmigen Menschen gegenüber, und dem einschmeichelnden Bedienen der allgegenwärtigen Uniformen gerecht zu werden. Sie beherrscht das Spiel ausgezeichnet. Wir werden von einem Qualitätsprodukt und der ästhetisch ausgewogenen Atmosphäre vereinnahmt, die überwiegend traditionell gekleideten Tibeter sehen Teile ihrer Kultur erhalten und den Uniformträgern wird unterwürfige Hochachtung entgegengebracht, die die Lokalität vor Restriktionen schützt. Die vier Herren in ihren dunkelblauen Uniformen, versprühen einen gezielten Habitus von schnodderiger Lässigkeit, Macht und Unantastbarkeit, der - kombiniert mit einem scannenden und doch gelangweilten Blick für das Umfeld - allen Militärs weltweit gleich ist. Die Besitzerin lächelt, schmeichelt und umtänzelt permanent den Tisch, sorgt für Nachschub an Getränken und Erdnüssen, deren Schalen die Herren, eine Zigarette nach der anderen paffend, achtlos auf den Boden werfen. Keiner der Herren dürfte so viel Geld verdienen, dass er die Kaffeepreise dieses Hauses zahlen könnte. Wie auch immer das Arrangement mit der Besitzerin aussieht . . . Sie sind laut, ungehobelt und alles an ihnen entspricht einem so unglaublich klischeehaften Benehmen, das es beinahe schon wieder gestelzt und künstlich wirkt. Denn, was könnte anachronistischer sein als tumber Militarismus in einem TikTok-Incafé.



Unser Sitzplatz liegt hinter dem sauberst gereinigten Glas eines großflächigen Panoramafensters, was eigentlich einen exzellenten Blick auf die verschneite Spitze des Mount Kailash bieten sollte. Doch die berühmte Silhouette der Bergspitze liegt immer noch tief hinter massigen grau-weißen Wolken verborgen. Das Café liegt in der pilgertechnischen Einflugschneise zum Kailash. Vor unserem Fenster vollzieht sich ein zweifacher Exodus. Nach Westen sind frisch aufgebrochene Pilgerscharen unterwegs, frisch, freudig erregt, die zum „Eingang“ der Kora, dem sogenannten „ersten Niederwerfungspunkt“ streben. Auf der östlichen Seite des Kailasch kommen Menschen aus den Bergen, denen die Kora deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Abgekämpft, geschwächt, förmlich am Ende ihrer physischen Kräfte und doch ist da ein Glanz in den Augen. Viele gehen fast roboterhaft, mit ungelenken Bewegungen. Wer kann es ihnen nach diesen Anstrengungen verdenken? Ich erinnere mich gut an die ersten 30 Kilometer Etappen auf dem Camino nach Santiago den Compostela. Es ist kein Problem 30 Kilometer zu laufen. Doch Tag für Tag 30 Kilometer zu laufen, ist nichts, was in unserer modernen Welt noch verlangt wird. Und hier kommt noch erschwerend hinzu, dass man auf 5700 Meter rauf muss, was für Menschen, die nicht gerade auf 3500 Metern in Nepal leben, so irgendwie anstrengend ein dürfte. Der Jakobsweg war seinerzeit auch schon ziemlich überlaufen, doch hier ist richtig was los. Unser Hotel platzt aus allen Nähten, vor allem indische Pilger fliegen hier täglich ein. Das Jahr des Feuerpferdes, was soll ich sagen? Wunder über Wunder des Orients. Ich brauche eine zweite Tasse dampfenden Kaffees, um das alles zu verstehen und zu verdauen, was ich da alles lese.



Keine Angst lieber Leser, ich versuche mich kurz zu fassen. Wirklich. Leider sind die spirituellen Zusammenhänge des fernen Ostens nie einfach zu entwirren, geschweige denn so rational und faktenbasiert zu vereinfachen, dass die schlichte, wunderentwöhnte Seele des Bleichgesichts da eine Verständnis- oder gar eine Erkenntniebene erlangen könnte. Kurzgesagt ist 2026 außergewöhnlich, weil eine seltene Kalenderkonstellation zurückgekehrt ist, die zuletzt 1966 bestand und erst im Jahr 2086 wiederkehren wird. Aha, so so. Das Jahr des Feuerpferdes ist eine besondere Konstellation des traditionellen chinesischen Kalenders. Es gehört zum sogenannten 60-Jahre-Zyklus, einem alten Ordnungssystem, in dem zehn „Himmelsstämme“ mit zwölf „Erdzweigen“ kombiniert werden. Aha, so so! Den zwölf Erdzweigen sind die bekannten Tierkreiszeichen Ratte, Büffel, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein zugeordnet. Hinzu kommen die fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser, jeweils in einer Yin- und einer Yang-Ausprägung. Erst nach 60 Jahren wiederholt sich dieselbe Kombination vollständig. So, lieber Leser, diese Information müssen jetzt erst einmal verdaut werden, ich weiß. Doch genau diese Konstellation ist der Grund, warum hier Buddhisten und Hindus sich gleichermaßen die Betten streitig machen. Aber weiter im Text. Das Feuerpferd trägt im chinesischen System die Bezeichnung Bingwu. Na logo, wem wäre das nicht klar! Bing bezeichnet den dritten Himmelsstamm und steht für Yang-Feuer, während Wu der siebte Erdzweig ist und dem Pferd entspricht. Klingt logisch, oder? Ein Feuerpferdjahr tritt deshalb nur einmal innerhalb eines 60-Jahre-Zyklus auf. Die jüngsten Feuerpferdjahre waren 1906 und 1966; das gegenwärtige Feuerpferdjahr begann mit dem chinesischen Neujahr am 17. Februar 2026 und endet am 05. Februar 2027. Danach beginnt das Jahr der Feuerziege. Da schreibe ich jetzt nichts zu, denn dann sind alle völlig verwirrt und das verkompliziert die Lage nur, soviel ist mal sicher.

Das Pferd besitzt in der chinesischen Kultur eine lange und bedeutende Symbolgeschichte. Es wird mit Bewegung, Ausdauer, Kraft und Unabhängigkeit verbunden. Die chinesische Mythologie nennt für das Pferdejahr insbesondere harte Arbeit, Mut und Widerstandsfähigkeit als traditionelle Charaktereigenschaften, wenn man das bei einem „Jahr“ so formulieren darf. Das Element Feuer verstärkt innerhalb der chinesischen Vorstellungswelt Eigenschaften wie Aktivität und Dynamik. Aha, so so! Beim Feuerpferd treffen also zwei Yang-Komponenten aufeinander: der Himmelsstamm Bing steht für Yang-Feuer, und auch der Erdzweig Wu - ach der - wird diesem Bereich zugeordnet.

Wenn ich das richtig gelesen habe, entwickelte sich daraus die Vorstellung eines besonders kraftvollen und unruhigen Jahres. Feuerpferdjahre werden in der Astrologie mit Energie, Veränderung, Eigenständigkeit und teilweise auch Unberechenbarkeit verbunden. Aha, so so. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das alles verstanden habe, aber interessant finde ich jedoch, dass diese “Jahreseigenschaften“ zur traditionellen Astrologie gehören und keine wissenschaftlich bewiesenen Tatsachen sind (Hab beim Lesen diesen Zusatz gefunden!). Aha, so so! Was soll ich sagen? Zusammenfassend kann ich hier also festhalten, dass der Fakt, dass 1906, 1966 und 2026 derselben Kalenderkonstellation angehören, also keinerlei wissenschaftliche Aussage darüber zulässt, ob sich historische Ereignisse oder gesellschaftliche Entwicklungen tatsächlich wiederholen oder eintreffen werden. Wunder über Wunder des Orients.



Doch zurück zur Kora. Man könnte sagen, dass das Jahr der Feuerpferde hier einen derartigen Pilgeransturm erzeugt hat, dass es zu interessanten Entwicklungen kommt. Ich hatte erwähnt, dass Kunchok in den vergangenen Tagen irgendwie Zeitdruck zu haben schien. Was uns alle ein wenig erstaunte, denn irgendwie hatten wir ja eine „fest“ geplante Reise gebucht. Wenn man in Darchen ankommt, muss der Guide zunächst bei der Polizei eine Art „Eintrittskarte“ für die Mount Kailash besorgen. Man wird also registriert, was - aus nachvollziehbaren Gründen - überall im Himalaya üblich ist. Nur gibt es nicht unendlich viele „Eintrittskarten“ pro Tag, sodass gilt, „Wer zuerst kommt, malt zuerst!“ Dann musste Kunchok uns noch ein Geständnis machen. Auf der Kora gibt es zwei Übernachtungen. Natürlich gibt es nur Guesthouses und keine unbegrenzten Hotelbetten, denn wir sprechen hier über Schlafplätze auf 5300 Meter und 5700 Metern. Diese rudimentären Übernachtungsmöglichkeiten gehören - wenn ich unseren Guide richtig verstanden habe - indischen Familien. Und die haben unserem Reiseveranstalter Tibet Vista gut 30% ihrer festen Übernachtungsreservierungen storniert - von einem Tag auf den anderen. Was soll ich sagen. Die Guesthouse-Betreiber argumentieren, dass die Massen der indischen Pilger aus Glaubensgründen die Kora laufen und das gemeine Bleichgesicht am Kailash mehr so Buddhismuskonsum betreibt. Damit avancieren die Übernachtungen zum Roulettespiel. Gibt es ein Bett, gibt es kein Bett . . . Irgendwie muss ich das nicht haben, denn diese Situation kenne ich tatsächlich aus eigener Erfahrung vom Camino Real. Wenn man um 14 Uhr kein Herbergenbett gefunden hatte, dann musste man nach 30 Kilometern Tagesetappe gegebenenfalls noch einmal 10 -15 Kilometer weiterlaufen. Das macht echt Stress. Für diesen Stress ist das Umrunden des Kailash für mich nicht wichtig genug, wirklich nicht. Außerdem sind die Wettervorhersagen nicht so prall, wie man in Westfalen so sagt, wenn sich Regen und Gewitter ankündigen. Wir sind 2024 mit unserer Bergziege zwischen Annapurna Massiv und Dhawlagiri in ein plötzlich aufkommendes Gewitter gekommen . . . Spannende Erfahrung, kann ich sagen. Daher hocken wir jetzt gemütlich bei Kaffee und Reiselektüre hinter Glas und harren der weißen Schneespitze hinter den wolkenverhangenen Gebirgszügen, die den Kailash einrahmen. Bonne nuit folks!



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