Burmesische Depeschen
- Ingo

- 31. Juli 2017
- 15 Min. Lesezeit
The Road to Mandalay - Vorwort - 2016

„Alles im Leben beginnt mit einer Geschichte“, hat mal jemand total Wichtiges geschrieben, wer weiß ich nicht mehr. Alles! So auch unsere Burma-Reise, dessen Entstehung ich ursprünglich drei scheinbar losen familiären Fäden verdanke, die aber verwoben einen offener Webteppich oder vielleicht auch eine weitmaschige jugendliche Hängematte voller präadoleszenter, aber auch prägender Erinnerungen ergaben. So sind diese losen Fäden meines jungen Ichs schon früh verantwortlich für ein tiefes inneres Loslassen und freie Glückseeligkeit, wenn ich in irgendeinem schäbigen Überlandbus sitze, der nach unserem Verständnis wohl eher ein fortbewegungstechnischer Metallkadaver ist, die fremden Menschen um mich herum beobachte, ihre Farben aufsauge, ihr fremdes Lachen und Brabbeln höre, am Fenster die Landschaft vorbeizieht und nichts meinen Blick und meine Seele in der Weite begrenzt.
Das bürgerliche Wandregal in der guten Stube meiner Eltern beherbergte seinerzeit eine weinrote Ausgabe des Bertelsmanntitels “Die alten und neuen Weltwunder der Erde”. Meiner Erinnerung nach war das ehemals matte Efalin des Einbands abgegriffen, stellenweise glänzend und zu weilend schon speckig. Den, für diese Epoche typischen, vermutlich hochglänzenden und primitiv kolorierten Schutzumschlag dieses Reisewerks habe ich nie gesehen. In meiner Erinnerung war dieses Buch immer weinrot und aufgrund seines Bildbandformats lag es stets quer im Bücherregal. Achtlos wurden darauf Magazine und Kataloge mit ähnlichem Format gelagert, sodass es mich im zarten Kindesalter viel Kraft kostete, es unter dem Gewicht des deutschen Blätterwaldes der frühen 70er hervorzuzerren, was natürlich mehr als einmal einen schwersten Papierwasserfall auf mein junges Gehirn zur Folge hatte. In meiner Jugend witzelte man bei seinen Spielkameraden darüber, dass man auf den Kopf gefallen sei, um so unerklärliche Weltenphänomene zu erklären, wie bspw. die völlig unschuldige Zuneigung zur Nachbarstochter. Interessanterweise wollte ich nie, dass jemand mitbekam, wie wichtig dieses Buch für den jungen Abenteurer war. So wurde es immer in Abwesenheit meines elterlichen Beistandes aus dem Regal gezerrt und verschlungen, um vor der Rückkehr der erwachsenen Autorität spurlos im Regal verstaut zu werden. Während andere Kinder in meinem Umfeld auf den Kopf gefallen zu sein schienen, kann ich mit Fug und Recht frei und offen gestehen, mir sind allerhand Bücher und Magazine, darunter auch viele GEO und Reise-Meriane, auf den Kopf gefallen, was vermutlich mein heutiges Interesse an Reisen und Printgrafik verständlich macht. Diese Ausrede habe ich von je her - bis heute - meinen Eltern vorgeschlagen, wenn es galt, mein merkwürdiges Erscheinungsbild den Nachbarn zu erklären, welches ich in den frühen Phasen meines Gestaltungsstudiums der sozialen Reihenhauskolonie meiner Heimat bot.
Dieses weinrote Artefakt aus dem schier unendlichen Populärbildungsmosaik der Gütersloher öffnete mir, damals schon ganz der Reise-Juju-Mann der ich heute bin, das Tor zur Welt, besonders zu meiner Welt. Jedes Kapitel wurde eingeleitet mit einer primitiven Strichgrafik eines der jeweiligen Kontinente, auf deren Landfläche die „alten“ und „neuen“ Weltwunder lokalisiert waren. Darauf folgten mehrere Doppelseiten zu den jeweiligen Weltwundern. Abu Simbel, die Pyramiden und Tut Ench Amun waren stets Thema in meinem Elternhaus, nicht zuletzt wegen des archäologischen Hintergrundes in der näheren Verwandtschaft. Der Exotismus des alten Ägyptens war sicherlich faszinierend, dennoch fesselten mich die Seiten des vorderen und hinteren Orients um ein vielfaches. Woher diese Faszination rührte, ist für mich nur unzulänglich erklärbar. Schlecht kolorierte Abbildungen fremdartiger Menschen, in deren Augen sich tiefe Sehnsucht nach Lebendigkeit abzeichnete, fesselten mich ebenso sehr, wie die großformatigen Bilder versunkener Tempelstätten. Die Tiefen meiner Fantasie wurden nun stets begleitet von würdig dreinblickenden faltigen Sikh in bunten Turbanen, jungen afrikanischen Massaifrauen mit unzähligen perlenverzierten Halsreifen oder „behüteten“ Indiofrauen, die, trotz ihres schüchternen Blickes, direkt vom Dach der Andenbahn in die Kameralinse des Fotografen blickten.
Das Buch mit dem weinroten Einband war meine Zeitmaschine und an grauen Herbstsonntagen, wenn das Regenwasser unaufhörlich an den Fensterscheiben hinabfloss, brachte es mich in die Ferne. Andere Kinder wollten vor die Glotze, ich saß auf meinem spirituellen fliegenden Teppich und verschwand in einem tiefenschwarzen Loch, an dessen Ende allerlei Abenteuer in fremden Ländern lockten. Lange bevor ich je den Ganges gesehen habe, in den Wasserfällen von Agua Azul badete, mit einem Seelenverkäufer durch einen Taifun vor Hatien schipperte, mit einem klapprigen Bus nach Puerto Escondido kam, auf einer sandigen Wüstendüne übernachtete, den Indiomarkt in Cholula besuchte oder den Gipfel des Kilimandjaro im Morgendunst beobachtete, war ich im Geiste an all diese Orten gereist. Im Laufe der Jahre verblasste die Wirkung dieser Bilder und meine Erinnerung ersetzte die kolorierten Abbildungen des weinroten Buches durch aktuelle zeitgemäßere Versionen, die meinen eigenen Auge und meiner Kamera entstammten.
Welche Nachhaltigkeit dieses Buch auf mein Wesen im Umgang mit dem Fremden haben sollte, bemerkte ich bei meinem ersten Bangkokaufenthalt im Chakri Maha Prasat, dem Königspalast. Während ich so entrückt durch den unglaublichen Dekorier- und Verzierungswahn der thailändischen Baumeister schlenderte, blieb mein Blick an zwei exorbitant großen steinernen Torwächtern hängen. Vielleicht kennt der geneigte Leser diese Situation: Beim Gang durch die Fußgängerzone trifft der eigene Blick auf ein scheinbar bekanntes Gesicht eines völlig fremden Menschen. Sofort versucht das Gehirn diese Person in der abgespeicherten „Datenkartei“ des geistigen Adressbuches als bekannt einzustufen, obwohl dieser Mensch offenkundig völlig fremd ist. Genauso erging es mir mit diesen über und über dekorierten Steinriesen. Sie waren gleichermaßen vertraut und unvertraut. Fest davon überzeugt, schon mal an diesem Ort gewesen zu sein, versuchte meine geistige Datenbank einen visuellen Abgleich vorzunehmen. Irgendwann schien mein Gehirn in irgendeiner verwinkelten Kammer zu graben und nebulös erschienen die fahlen Farbbilder aus dem weinroten Buch vor meinem geistigen Auge. Über 20 Jahre hatten sie tief im Inneren meines Kopfes geschlummert, um dann wieder hervor geholt zu werden. Zurück in heimischen Gefilden kramte ich dieses, an mein Schicksal gekettetes Buch, aus irgendeinem tiefen Karton hervor und vergrub mich wieder in die urplötzliche Vertrautheit des Fremden.
Bis heute erstaunt mich, welch purer unverschnittener Exotismus dieses - nach heutigem 4K-Verständnis - wirklich schlechte Bildmaterial meine Gedankenwelt in Wallung brachte. Bereits in jungen Jahren mit lebhafter Fantasie ausgerüstet, erweckte diese Bildwelt im hintersten Winkel meines Großhirns die tiefsten Sehnsüchte nach dem Unbekannten. Derartig bildhaft unterstützt entwickelten sich vor meinem geistigen Auge die Verlockungen des vorderen Orients, das Durchstreifen dschungelartiger Wildnis, allerlei versunkene Tempel, dunkle Basare voller Geheimnisse, seltsame Gerüche, verborgene Blicke und geflüsterte Mundarten, der Ritt durch heiße Wüsten und des Nachts das tiefe Grollen der Löwen in der Steppe. Dann war da noch der Name „Burma“. In meinem Gehör erzeugte das Wort Burma einen fremden, weit entfernten Klang, doch mein jugendlicher Geist hatte keinerlei Assoziationen dazu parat.
Mein Vater, die stärkste Quelle meiner Weltenneugierde, hatte sich bereits als Pfadfinder in sehr jungen Jahren eifrig in der Welt umhergetrieben und dabei mit dem Fotografieren begonnen. Als Kind blätterte ich häufig in seinen Fotoalben aus den 50er und 60er Jahren. Mit unendlich kindlicher Geduld betrachtete ich ihn inmitten all dieser seltsamen und fremd anmutenden Dinge, die sich auf den grobkörnigen Schwarzweißbildern entdecken ließen. Angetan mit einer schwarzen Pfadfinderjuja lehnte er da einsam mit seinem Rucksack an den überdimensionierten Schornsteinen eines norwegischen Postdampfers, in einem abgedeckten Rettungsboot oder die einsamen Bilder von Fjorden, der Brücke in Mostar oder der Fischmarkt an der Istanbuler Bosborusbrücke, die Okzident und Orient verbindet. Glattrasiert, groß, verträumt, den Blick scheinbar in die Ferne auf irgendein neues Gestade gerichtet, bewegte er sich zwischen all dem Exotischen und Fremden. Außerdem hatte er und später auch meine Mutter die Angewohnheit, jede Menge kultureller Mitbringsel heranzuschleppen. Diese Devotionalien des Herumtreibens untermalten schon früh meine Fantasie. Da waren Steinschlossflinten aus dem Vorderen Orient, lederne Pantoffeln aus Marokko oder kupferne Mokkakännchen aus Istanbul. Eine dieser betagten orientalischen Feuerwaffen ähnelte verdächtig jenem Gerät, dem sich Walt Disneys Onkel Dagobert so eng verbunden fühlte. Nicht mal ganz einen Meter lang, schwerer Holzgriff und Anschlag, mit einem 15 cm durchmessertechnischem Rohrende, das furchteinflößend aussieht, aber auch damals in seiner aktiven Einsatzzeit in der elendigen Wüstenei von Tozeur vermutlich nur um die Ecken schoss. Und - wer würde die, zu diesem Mitbringsel gehörende Anekdote meines Vaters je vergessen, dass meine Mutter in Rom auf dem Petersplatz fast verhaftet worden wäre, weil er vor der Abreise aus Tunesien die olle Onkel Dagobert Flinte in ihren Koffer gepackt hatte. Für mich war das Sammeln derlei kultureller Artefakte so selbstverständlich, dass ich im zarten Alter von 10 Jahren auf dem Rheinauenflohmarkt von einem orientalisch anmutenden Händler nach verbissenem Handeln, was übrigens das rigorose Plündern meiner sauer ersparten Taschengeldvorräte beinhaltete, für 56 DM einfach so einen furchterregenden Krummsäbel erstand, bevor meine Eltern eingreifen konnten. Ich fand damals, dass er meine kinderzimmerliche Karl May Kara-Ben-Nemsi-Gedächniswand mit orientalischem Flair abrundete. Als meine Eltern mich im Gewühl einholten, stand ich da mit einem afghanischen Krummsäbel rum, dessen stählernen Dimensionen meiner geringen Körpergröße verdächtig nahe kamen. Verrückte Welt, heute geradezu undenkbar. Aber mein Vater reagierte mit Milde auf die unverhoffte Erweiterung der hauseigenen orientalischen Waffensammlung. Er ging zur Polizei, ließ die antike Stichwaffe aus dem Hindukusch auf einer, auf meinen Namen ausgestellten Waffenbesitzkarte eintragen und so wurde ich frühzeitiger Besitzer eines präadoleszenten Waffenscheins. Wie gesagt, heute undenkbar. Interessanterweise fand ich Jahrzehnte später in Indien ein waffentechnisches Äquivalent in der Waffenkammer des Maharadschas von Jodhpur. Wer hätte das gedacht? Aber zurück zu weniger violenten Erinnerungen. Mein Kopf speicherte schon früh die fotografischen Erlebnisse meines Vaters und halfen der Vorstellungskraft meines geistigen Auges landestypische Bezüge zu Schweden, Griechenland, Norwegen oder der Türkei der 50er und 60er Jahre zu visualisieren. Aber zum Orient oder gar zu Burma gab es keine visuellen Konnotationen, nur den merkwürdigen Klang des Geheimnisvollen. Vor Jahren fuhr ich mit dem Motorrad von Phnom Phen nach Sihanoukville. Eine konkrete Vorstellung dieser Stadt hatte ich eigentlich nicht, doch der Klang des Namens Sihanoukville löste eine Form des Lockrufes aus, dem ich mich nicht entziehen konnte. Desgleichen löste von je her das Wort Burma eine nicht näher definierbare Sehnsucht aus, die Jahrzehnte lang irgendwo in einer der großen Reiseboxen meines Gehirns schlummerte.
Die zweite Quelle meiner Weltenneugierde ist ein professoraler Großonkel von mir, Archäologe, Orientalist und auf der Welt zu Hause, nicht nur sprachlich. Seine Wohnung war ein Quell ungeahnter Erfahrungen und interessanterweise hat sich in der Wohnung bis heute nichts verändert, außer vielleicht die Bücherregale, die heute in Dreierreihen befüllt sind. Bücher, überall Bücher! Vom Fußboden bis zur Decke nur Bücher. Die oberen Sektionen konnten mittels einer kleinen geschwungenen hölzernen Trittleiter erklommen werden. Überall Bücher. Und alle handelten von fernen Orten, Bräuchen und Menschen. Während also die „Erwachsenen“ ihren Tee und Kaffee im Salon nahmen, verschwand ich Harry-Potter-mäßig in der dämmrigen Tempelkammer des Wissens und ließ meinen Blick über die verheißungvollen Titel und meine Hände über die teils verzierten Buchrücken gleiten. Da gab es alles, die Kulturgeschichte aller Kontinente, von japanischer Schwertschmiedekunst bis hin zur Lebensgeschichte der Kaiserin CiXi und von Ausgrabungen in Libyen, über den Mondsichelsee an der nördlichen Seidenstraße und Krak des Chevaliers bis hin zu Ausgrabungen in Karkemisch. Das alles hat mich tief beeindruckt und nachhaltig geprägt - bis heute. Wann immer mir bspw. meine Ausgabe des „Etruskischen Lächelns“ unterkommt, finde ich mich im Geiste vor seiner „Etruskischen Abteilung“ wieder. Wenn der geneigte Leser jetzt einen „Indiana Jones“ vermutet, den muss ich enttäuschen. Als Kind empfand ich ihn als riesig, tiefschwarzes Haar, mächtiger Bauch, wallender Bart und immer einen unglaublichen Witz, dessen Humor seinen offenen blitzenden Augen eine ganze Schar an Krähenfüßen bescherten. Es gab aber auch tatsächlich keinen Kulturkreis, zu dem er nicht humoristisch etwas erzählen konnte. Irgendwann vor einigen Jahren lief er geradewegs in genau das Café, indem ich mit einer Studentin saß. Er trug der kalten verschneiten Witterung wegen robuste, pelzgefütterte Stiefel, einen hochgeschlossenen, etwas in die Jahre gekommenen Trenchcoat, aus dessen Kragen der inzwischen graumelierte Bart herausschaute und auf seinem ergrauten Haupt eine wollene Paschtunenmütze. Nun ja, meine leicht provinzielle Heimatstadt ist, wenn auch universitär rebellierende junge Menschen in ihr leben, in ihren Kleidernormen von je her etwas konservativ. So ist eigentlich alles erlaubt, Hauptsache die Farben sind gedeckt und halten sich im Rahmen von Grau, Dunkelbraun, Dunkelrot bis Dunkelblau. Aber, eine Paschtunenmütze zum Trench, war harter Tobak für die verwöhnte Steppjacken- und Perlohringfraktion, die sich in diesem Szenecafe tummelte. Trotz seiner würdevollen und eloquenten Erscheinung musste ich schmunzeln, von der jungen Dame am Tisch ganz zu schweigen. Mit blitzendem Äuglein berichtete er, dass er diesen afghanische Pakol in den 70er Jahren von einem Taxifahrer in Kabul im Tausch gegen einen Schraubendreher bekam. Und schon waren wir im Gespräch über den vorderen Orient vertieft und auch die junge Dame konnte sich kaum dem Charme, dem Witz und dem Augenzwinkern des alten Recken entziehen. Besonders interessant sind seine Reise- und Forschungserinnerungen, da sie meist aus der Zeit vor den desaströsen diplomatisch-politischen Schachspielereien und feuchten Träumen hochdekorierter Militärs aus Washington oder Moskau stammen. Auch heute ist das noch sehr spannend, denn er zeichnet ein völlig anderes Bild von den Menschen, als es unsere medienbeherrschenden Zeit uns glauben machen will. Leider ist er auch meine reisetechnische Nemesis. Sein erster Zug des Kaffeehausgambits eröffnet er immer mit der Frage, „Mein Junge, wo gehts hin?“. Meistens lässt er mich ausführlich erzählen, wirft ein unterstützendes „spannend“ oder „aha“ ein und lauscht dabei mit der empathischen Geduld des Emeritus meinen Reiseplänen, um dann anerkennend meine „aufregenden“ Expedition zu loben. Dabei streicht er sich, scheinbar gedankenverloren, das untere Ende seines Bartes zu einer Spitze zusammen, sodass zu dem leicht durchgeknallten Pakol auf seinem Haupt noch der gewisse konfuzianische Touch des fernöstlichen Gelehrten hinzukommt. Wenn schon seine wissende Erzählerei, die übrigens jede intellektuelle Eitelkeit entbehrt, beeindruckend ist, so stellt sein Talent zuzuhören wahrlich jeden Beichtvater meiner heimatlichen Diözese in den Schatten. Nach dem Leeren sämtlicher Kaffeevorräte und erschöpfter Kommunikationsanlässe, also ganz am Ende des Gesprächs, stellt sich dann eigentlich immer heraus, dass er natürlich dort schon war und ich unbedingt irgendjemandem irgendetwas irgendwohin mitbringen muss. Nun ja ...
Vor zwanzig Jahren arbeitete ich mal an der Dai Hoc Bha Khoa, der Technischen Universität von Hanoi, und ich berichtete ihm davon und natürlich auch von dem anvisierten Rahmenprogramm: die Altstadt von Hoi An, mit dem Seelenverkäufer durch die Ha Long Bay, das azurblaue Wasser von NaThrang, der Literaturtempel von Hanoi, Sa Dec im Mekong Delta, und, und, und..... Anerkennend nickte er und für einen kurzen köstlichen Moment schien es, als wäre er noch nie dort gewesen und zur Abwechslung könne ich ihm mal etwas Neues berichten. Mit unendlicher Geduld lauschte er gespannt bis zum Ende meiner Ausführungen. Dann berichtete er mir, dass man im Mekong Delta zwei römische Goldmünzen gefunden hatte und er deshalb - natürlich schon vor Jahren - dort im Dschungel rumgekraxelt war. Er lobte meine sehr gut gewählte Reiseroute und hatte jede Menge wichtiger Tipps für die einzelnen Stationen...... Was soll ich sagen? Meine Freundin meint übrigens, dass sie sich immer genau so fühlt, wenn sie mit mir über irgendwelche neuen Reiseziele spricht.
Irgendwann erzählte er dann von Burma und platzierte so in meinem jugendlichen Hirn den Inbegriff völliger Fremdheit, vielmehr den puren unverschnittenen Exoztismus. Gesegnet mit der Gnade des wahren Erzählers, erweckte er in mir die verblassten Abbildungen riesiger goldener Pagoden, rotgewandeter Mönche und verwunschener Tempelanlagen zum Leben. Mit seinem Bart, dem verschmitzten Lächeln, seiner Neugierde und natürlich seiner Gabe zu erzählen, würde er jedem orientalischen Geschichtenerzähler aus Tausend und eine Nacht Konkurrenz machen. Ob er sich dessen bewusst ist, vermag ich nicht zu sagen, aber durch seine Erzählungen von spannenden historischen Details, humoristischen Anekdoten und lustigen kulturellen Lebensweisheiten, erhob sich „die Geschichte“ aus dem Staub der Bücher und wurde für mich zu bildhaften Eindrücken.
Burma, das Wort allein löste in meinem Kopf eine nicht näher definierbare Sehnsucht aus, die Jahrzehnte lang irgendwo in einer der großen Reiseboxen meines Gehirns schlummerte. Als nach und nach politische Veränderungen einen Besuch zuließen, begann die „Burmabox“ laut zu vibrieren und zauberte mit aller Gewalt wieder schlecht kolorierte Bilder in mein Bewusstsein. Interessanterweise war da auch sofort der Geruch von Asien. Ich konnte das Land förmlich riechen.
Lieber Leser, dass ist jetzt wirklich schwer zu erklären, aber wenn man spätestens in Bangkok das Flugzeug verlässt, gibt es da einen Geruch, der so typisch ist, dass er mich immer an meine Wohnung in Hanoi erinnert. Immer etwas feucht, vielleicht sogar leicht modrig, fast seltsam und doch typisch für Asien. Das muss der geneigte Leser sich jetzt so vorstellen: Früh morgens wurden seinerzeit in Hanoi noch kommunistische Parteiparolen über jeden öffentlichen Lautsprecher verlesen, laut verlesen und unumgänglicherweise vor dem Morgengrauen. So lag man erhitzt, gegängelt von noch mehr feuchter Hitze unter seinem Plastikmoskitonetz, unter dem es natürlich noch wärmer war und wurde unsanft von einer quäkenden Plastikstimme geweckt, die sofort finstere Axtmordgedanken entstehen ließen. Was gibt es Schöneres als an einem vorlesungsfreien Samstagmorgen andächtig der Marxschen Interpretation von Ho Chi Minh zu lauschen, die in einer Sprache dargeboten werden, derer sich die europäische Zunge und Ohren einfach nicht bedienen kann. Mit jenem unfreiwilligen Überqueren des nächtlichen Styx hinein in die morgendliche Poitikbeschallung stellte sich auch eben jener Geruch ein. Das Arbeiten in Hanoi ist zu einem der prägensten Perioden in meinem Leben geworden. Anfang der 2000er hatte Vietnam noch nicht den gesättigten Lebenswandel, den es heute, vor allen Dingen in touristischen Hinsicht, hat. Mit meinem Fahrrad habe ich viele Ausflüge in die nähere Umgebung von Hanoi gemacht. Einer Zeitmaschine gleich, radelte man über die alte Eisenbrücke, durch deren zahlreiche Löcher im Asphalt der träge dahinfließende Rote Fluss sichtbar wurde und auf der anderen Seite wurde man ins finsterste Mittelalter katapultiert. Sofort befand man sich in dörflich-landwirtschaftlich geprägten Gegenden. Mehr als einmal habe ich zur Abendstunde an einem kleinen Schrein gesessen, der sich inmitten der Reisfelder unweit eines Dorfes befand. Dunst stieg aus den Reisfeldern auf und die Abendsonne tauchte alles in grobkörniges orangefarbenes Licht. Dann ließ auch meist die Hitze nach und dieses Stück Erde strahlte eine Friedlichkeit aus, wie ich sie selten erlebt habe. Hier und da stand ein dürres Männchen mit spitzem Reishut in einem Fludderschnapp inmitten der Reisfelder und fuhrwerkte mit den Reispflanzen herum. Seltsamerweise behandelten die Dorfbewohner mich mit unfassbar offener Herzlichkeit und ließen durch nichts erkennen, dass ich ein Eindringling in ihrem von Jahreszeiten bestimmten Kosmos war. Bei meinem zweiten Abendspaziergang kam eine alte Dame auf mich zu, verzog ihren Mund zu einem Lächeln, entblöste dabei eine ziemlich ausgefranste Zahnleiste und strich mit einem glucksenden Lächeln über meine weiße Nordmannhaut. Danach gab es kein Halten mehr, ein dörflicher Menschenauflauf entstand und die gesammelte Damenwelt, jung und alt eilte herbei, um schüchtern kichernd meine weiße Haut zu bestaunen und zu berühren. Verrückte Welt, an der Nordsee ernte ich immer nur Mitleid bis Ironie von top gebräunten Hedonisten und am Ende der Welt gilt dieses Manko als Schönheitsideal. Tja, was soll ich sagen, die Mädels hatten halt Geschmack. Nach wenigen Tagen war ich einmal im ganzen Dorf rumgereicht worden und hatte mehr Tee und Reispapierrollen konsumiert, als ich vertragen konnte. Erstaunlicherweise habe ich kein einziges Foto von diesem Dorf gemacht, das mit seinen niedrigen traditionellen vietnamesischen Häusern so malerisch zwischen hohen Kokospalmen und Reisfeldern lag. Aber die Herzlichkeit der Menschen, ihr Lachen und ihre unkomplizierte Gastfreundschaft ist tief in meinem Herzen verwurzelt.
Da ich nun schon über 10 Jahre nicht mehr in Vietnam gewesen bin, vermag ich auch nicht zu sagen, wie es sich entwickelt hat. Was aber hat nun das alles mit Burma zu tun? Korrekterweise sollte ich mich daran gewöhnen, dass das Land Myanmar heißt und die alte Hauptstadt von Rangoon in Yangon umgetauft wurde. Nun, in meiner Vorstellung hoffte ich, dass das Land, welches zum Zeitpunkt unserer Reise erst gut drei Jahre dem Tourismus offen stand, sich einen Teil seiner asiatischen Unschuld und Lebenfreude erhalten haben würde. Während man heute in Saigon satt ist und die Stadt vermutlich mehr Handys und Dollar hat, als Delhi oder Shanghai, hoffte ich, dass Burma noch nicht die Jagd nach dem Touristendollar eröffnet hätte.
So begannen wir im Herbst 2015 burmesische Reisepläne zu schmieden, als ein sich weiteres Ereignis einstellte, was zwar keine weltpolitische Bedeutung hat, wohl aber eng mit meiner Jugend verknüpft ist. Es gab eine Neuauflage von Hugo Pratts „Südseeballade“. Nun, der geneigte Leser fragt sich jetzt, vermutlich zu Recht, Wer?, Was? und natürlich Wieso? Der Italiener Pratt war Maler und begnadeter Comiczeichner. Anders als viele andere seiner Profession war er ähnlich detailversessen wie Hergè und so existieren unendlich viele Notizbuchseiten von ihm, auf denen er seine Figuren entwickelte und darüber hinaus noch vielfach mit einfachster Aquarelltechnik entwarf. Irgendwann in meinen frühen Jahren waren wir mal im Urlaub auf Sylt und im Kurhaus von Wenningstedt gab es Meersalzanwendungen für meinen Bruder und mich. Während ich also in der guten alten handyfreien Zeit auf dem PVC-bezogenen Relikt goldener Kurhaustage dem Beginn meiner Meersalzanwendungen nutz- und tatenlos entgegenvegetierte, lag, dem heiligen Gral gleich, neben meinem Stuhl eine zerfledderte Ausgabe der „Südseeballade“. Elektrisiert von den exotischen, wenn auch schwarz-weißen Zeichnungen Pratts, blätterte ich durch die zerlesenen Abenteuer von Pratts Protagonisten Corto Maltese. Schon als Kind war mir klar, dass der Typ, den Pratt so beschreibt, „Corto Maltese in Valletta auf Malta als Sohn eines britischen Seemannes aus Cornwall und einer Zigeunerin aus Sevilla geboren“, eigentlich meinen Job hatte. Jawohl, dass muss hier mal so gesagt werden: Meinen Job! Fortan begeisterten mich seine Abenteuer, nicht nur die mystischen Dschungelerfahrungen, Südseegeheimnisse oder seltsamen Menschen, die seinen Weg kreuzten, vielmehr auch all seine mühelosen Reisen an jene fremde Orte meiner kindlichen Fantasie. Wo immer ich seiner habhaft werden konnte, las ich einen Corto Maltese und tauchte ein in die wunderbare Gedankenwelt Pratts, auch wenn sie manchmal so durchgeknallt ist, dass ich mir nicht sicher bin, was er wohl beim Entwickeln seiner Geschichte geraucht hatte. All das brandete förmlich im Winter 2015 durch die Tiefen meiner Seele, als ich die erstmalig kolorierte Ausgabe der Südseeballe im Schutze meines heimischen Ledergestühls genussvoll las, voller Kindheitserinnerungen und mit einem Male war Burma auch dadurch wieder präsent und die Reise ließ sich nicht in Frage stellen. Da Anni bis dato noch nie in Asien war, begann sie mit einer umfassenden Recherche und hatte schon Meter von Büchern zu Burma gelesen, bevor sich der romantische Weltenpilger in mir überhaupt einer Recherche widmen konnte. In nahezu jedem Café wälzten wir Karten und erstmalig begannen wir die geläufigen Namen wie Bagan, Rangoon, Naypyidaw oder Mandalay mit festen Orten auf der Karte zu verbinden. Außerdem kramte ich wieder Kipling aus der tiefsten Kiste meiner Studientage, von der ich eigentlich geschworen habe, sie nie wieder zu öffnen. Ähnlich wie mein pakoltragender Großonkel war auch Kipling schon überall in Asien gewesen und hat zu allem literarisch seinen Senf dazugegeben. Allerdings muss ich hier dem geneigten Leser gestehen, dass Kiplings Gedicht „The Road to Mandalay“ mich sehr beeindruckt hat. Eigentlich dürfte ich das gar nicht kundtun, denn für gewöhnlich kann ich Lyrik nicht ausstehen, schon gar nicht, wenn andere vor Verzückung einen glasigen Blick bekommen. Aber jenes hat mich so berührt, dass mir der Gedanke an diesen Titel nicht mehr aus dem Sinn ging und ich mir die bescheidene Freiheit erlaubte, Kiplings Zeile zu adaptieren.
So saßen wir dann eines schönen Tages 2016 im Flugzeug Richtung Osten, flogen der aufgehenden Sonne und einem wahrlich ungewissen Ziel entgegen. Ungewiss in vielerlei Hinsicht, einerseits schienen sich der überwiegende Teil der Berichte mit der stark prägenden 50jährigen Militärdiktatur, dem unterentwickelten Status und der allgemeinen politischen Unsicherheit zu beschäftigen. Andererseits gab es unendlich viele, sehr anrührende Berichte von Rucksackreisenden aus der ganzen Welt, deren Bilder und Erfahrungen uns nur noch mehr bestärkten, einen Blick in diesen Kulturkosmos zu werfen. Beispielsweise war die Bargeldfrage ziemlich interessant, da es in Burma auch 2016 nur zwei (!) Geldautomaten geben sollte, von flächendeckendem Internet mal ganz zu schweigen. Aber mal ehrlich, ich bin 1992 mit einem Militärkompass durch die Westsahara gefahren und die offenkundige Tatsache, dass ich gerade am Rechner sitze und tippe ist ein klarer Indikator dafür, dass wir in Burma wohl auch ohne Internet durchkommen werden, oder?
I.G. Münster, im März 2020




