Agra ist wie Dodge City . . .
- Ingo

- 12. Aug. 2018
- 7 Min. Lesezeit
Depesche 11 - Agra - 2018

Kurz nach 12:00 Uhr erreichen wir den Bahnhof Agra Fort. In den sehr frühen Morgenstunden haben wir unser Hotel in Jaipur verlassen und sind um 05:00 Uhr in den Zug nach Agra gestiegen. Jaipur ist eine schöne Stadt, voller Leben und mit viel kulturellem und shoppingtechnischem Flair. Nicht zuletzt deshalb ist hier auch der Film „The Best Exotic Merrigold Hotel“ gedreht worden. An allen Ecken sieht man Plätze, die man aus dem Film zu kennen scheint. Nach meinem Klinikaufenthalt haben wir den Tag recht ruhig ausklingen lassen, mit viel Bewegung und dem ein oder anderen Kaffeehausbesuch. Packen und früh ins Bett, da um 5 Uhr der Zug nach Agra geht. Wenn man morgens um 5 Uhr einen Zug in Indien erwischen muss, dann bedeutet das einige Vorbereitungen. Am Tag bekommt man immer und überall ein Tuktuk. Morgens nie. Das Beginnen des Tagesgeschäfts eines Tuktukfahrers hängt zunächst von der jeweiligen Stadt ab. Jaipur ist da ganz gemächlich, da die meisten Touristen mit gebuchten Pauschalbussen morgens zu den kulturellen Highlights gekarrt werden, öffnet die Jaipurer Geschäftswelt so gegen 10 bis 11 Uhr. Dementsprechend sind die Tuktukfahrer morgens auch eher etwas schwergängiger. Ein Teil von ihnen ist ohnehin mit dem Transport der Schulkinder beschäftigt. Also gilt es abends schon einen Fahrer zu organisieren und ihm ein Angebot zu machen, dass er nicht ablehnen kann. 200 Rupien sind meist ein Top Angebot und funktioniert eigentlich immer. Also buchstäblich 2.50 Euro€. Im Bahnhof angekommen, ist es mit der nächtlichen Ruhe der Stadt dann

vorbei. In der Regel ist die gesamte Bahnhofshalle voller schlafender Menschen und Tiere. Ein nicht unerheblicher Teil anderer Menschen lungert darüber hinaus auch rum. So zweckfrei. Dann muss man seinen Bahnsteig finden, der nie auf den Tickets vermerkt ist. Wenn man Glück hat gibt es die Anzeige auch auf Englisch, sonst ist sie nur auf Hindi, also in so einer lustigen Blümchenschrift, ausgewiesen. Dann heißt es Warten, denn sinnvollerweise ist man eine halbe Stunde vor Abreisetermin da, weil man in Indien nie weiß, was so passiert. Wenige Minuten vor Ankunft des Zuges, wird der Bahnsteig bekannt gegeben und dann muss man nur noch sei-nen Waggon identifizieren. Im Gegensatz zu bundesdeutschen Zügen, kann ein Zug in Indien schon mal 15-25 (!) Waggons haben. So ein Bahnsteig ist hier durchschnittlich auch schonmal 300 Meter lang. Noch bevor der einfahrende Zug zum Halten gekommen ist, findet schon der fliegende Passagierwechsel statt. Nicht, dass der Zug nicht mindestens 10 Minuten Aufenthalt hätte, aber man darf eben keine Zeit verlieren. Während gerade die Insassen versuchen flugs den Waggon zu verlassen, springen bereits zukünftige Insassen auf die Trittbretter. Das Ergebnis ist ein hübsch anzuschauendes Chaosballet, dessen Sinn sich eigent- lich niemanden erschließt, was natürlich nicht schlimm ist, da eigentlich nur der Westler nach Perfektion und Sinnhaftigkeit strebt.

Aber das Bahnwesen ist perfekt organisiert und so gibt es auf jedem Bahnsteig kleine Digitalanzeigen, die die Waggonnummern anzeigen, sodass man sich schon einigermaßen richtig positionieren kann.
So stehen wir in brütender Hitze und extrem hoher Luftfeuchtigkeit in Agra auf dem Bahnsteig und bereiten uns auf das Taxispielchen vor. Als wir die Treppe Richtung Ausgang erklimmen wollen, entsteht auf einmal Panik. Im oberen Bereich der Treppe versucht ein Rhesusaffe (die bereits erwähnten Makaken), einer der mittleren Größenordnung, einer Frau ihre Handtasche abzunehmen. Lautes Gebrüll, eigentlich brüllen beide, Frau und Affe - die Frau weigert sich ihre Tasche abzugeben und tritt nach dem Affen. Ein Mann eilt ihr zur Hilfe und die Situation eskaliert. Der Affe verbeißt sich in ihr Bein, erwischt aber nur zerrenderweise den Sari, und den Helfer greifen jetzt die anderen Affen an, derer alle von ziemlich imposanter Größenordnung sind. Die umliegenden Fahrgäste, inklusive unserer Wenigkeit, werden von den Bahnangestellten eiligst weg geschleu- st, während eine Mitarbeiterteam, bewaffnet mit langen Schlagstöcken sich in Richtung Affen aufmacht. Der Bahnhof von Agra ist voll von Rhesusaffen und die affenartige Stimmung ist leicht angeheitzt.


Agra ist einfach schmuddelig, extrem verdreckt und auch ein bisschen unfreundlich, aber Agra hat das Taj Mahal und deshalb kommen die Touristen ohnehin. Deshalb sind alle Geschäftszweige ziemlich gesättigt und sehen deshalb keinen Grund, sich zu bewegen. Die Tuktukfahrer nennen derartig überzogene Preise und lassen sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen, sodass es etwas dauert, bis wir einen willigen Fahrer finden. Unser Hotel liegt außerhalb und ist ziemlich neu. Zwei nette Jungs führen das Haus und wir haben sofort eine gute Ebene. Recht zurückhaltend bieten sie Hilfe bei der Planung des Sightseeings an, dass wir für den kommenden Morgen gerne annehmen. Während Jaipur in Rajasthan, einem eher trockenen Wüstenstaat liegt, hat Agra aufgrund seiner Lage in Uttar Pradesh wesentlich höhere Luftfeuchtigkeit. Es ist unfassbar drückend, windstill und die Sonne sticht. Kombiniert wird das ganze mit einem vermülltes Stadtzentrum, was das Sightseeing unfassbar angenehm macht. Auf dem Programm steht zunächst das „Kleine Taj Mahal“. Vor 10 Jahren interessierte dieses Bauwerk keine

Menschenseele. Dabei handelt es sich um ein ganz bezauberndes Bauwerk aus weißem Marmor mit einer großen Vielzahl an floralen Intarsien aus gelben, rotem, grünem und schwarzem Marmor. Das quadratische Gebäude ruht auf einem roten Sandsteinsockel und hat an allen vier Ecken jeweils ein kleines, minarettartiges Türmchen. Die Gebäudemitte ziert ein ebenfalls quadratischer Aufbau in Form einer stilisierten Lotosblüte. Es ist ein Grabmal für einen sehr einflussreichen Minister des Maharadschas von Agra (den Vater von Shaja Han, dem Erbauer des Taj Mahal). Das ganze liegt in einem rechteckigen Park direkt am Yamunafluss. Nur zur Info, es gibt zwei wichtige Flüsse in Indien, den Ganges und den Yamuna. Gandhis Asche wurde bspw. nicht im Ganges, sondern im Yamunafluss verstreut. Beide Flüsse werden aus dem Himalaya gespeist und so ist der Yamuna bei Agra schon ein ziemlich großer Fluss, der vermutlich 1,5 mal so breit wie der Rhein ist. Wie gesagt, vor 10 Jahren interessierte sich keiner für dieses Bauwerk, aber inzwischen hat die indische Tou- rismusbranche auch diese Geldquelle entdeckt und so müssen wir

exorbitanten Eintritt für uns, meine Spiegelreflex und meine Videokamera zahlen. Als ich dann am Tor von einem Jüngelchen angeblafft werde „Ticket“ (So der Tonfall: Aber Pronto Pronto...) werde ich ungemütlich und geige ihm ziemlich direkt, das er sich gefälligst Anni und mir gegenüber höflich und respektvoll zu benehmen hat, da wir schließlich gerade seinen Arbeitsplatz unterstützt haben. Er ist ganz perplex, will meckern, da werde ich richtig ausfallend (unterstützt wird das vielleicht auch noch dadurch, dass er zwei Köpfe kleiner ist als ich), halte ihm die Faust vor die Visage und werde laut, worauf hin er sich von einem bewaffneten Securitymann einen totalen Rüffel einfängt und der Steinschlossflintenträger sich mit einem Wa mehrfach bei uns entschuldigt. Gegen späten Nachmittag liegt das Bauwerk in der Abendsonne und die meisten Touristen haben hier schon Schluss gemacht, sodass wir dieses süße kleine Bauwerk richtig genießen können.

Zum Abschluss des Tages lassen wir uns zum Sunsetpoint fahren. Tja, was ist der Sunsetpoint? Als Shaja Han das Taj Mahal planen ließ, wurde auf der anderen Seite des Yamuna ein identisches Gegenstück zum Taj Mahal mitgeplant. Es gibt so viele unterschiedliche Aussagen zu dieser Tatsache, bspw wird erzählt, dass dort ein schwarzen Gegenstück zum weißen Taj ge- baut werden sollte, aber vielleicht ist das nur eine Erzählung, die ins Reich der Mythen gehört. Heute liegt dort ein verwilderter Garten. Aber immerhin existiert eine rote Sandsteinbalustrade, von der aus man abends einen schönen Blick auf die Rückseite des Taj hat, zu- mal meist im rötlichen Licht der untergehenden Sonne. Damals kam man über einen verwilderten Feldweg zum Sunsetpoint. Der geneigte Leser ahnt es schon, dem ist heute nicht mehr so!
Zunächst hat man den Weg dorthin asphaltiert und, man höre und staune, es ist feinster Flüsterasphalt, sodass die Autobahnverwaltung NRW bestimmt neidisch wäre. Nicht, dass das am handelsüblichen indischen Verkehrslärmn etwas ändern würde. Etwa 1km vor dem Sunsetpoint Prakplatz beginnt die händlertechnische Großoffensive: Ein Holzverschlag neben dem anderen bietet indisches Straßenessen an, dann die Steigerung - ca. 500m vor dem Sunsetpoint - es wird zusätzlich Wasser und Softdrinks (warm) angeboten und schließlich und endlich - ca. 250m vorher - Chai, Kaltgetränke, billiger Schmuck, hässliche Taj-Mahal-Schneekugeln, Plastikkriegsschiffe sowie Snacks und kalte Softdrinks und Eis. Zwischen all den Tuktuks rennen Vertreter der Kamelrittbranche auf und ab und versuchen einen 5-Minuten Ritt - inkl. Selfie mit Kamel - auf einem gelangweilten, altersschwachen furchtbar stinkenden Dromedar anzupreisen. „Very sheep!“ Nun ja, mir unterläuft bestimmt auch der ein oder andere Tippfehler, nicht zu vergessen meine absolut unzulängliche Orthographie - aber irgendwann habe ich mal auf einer britischen Schule gelernt, dass „sheep“ Schaf bedeutet und „cheap“ billig. Hm - „Very sheep“ - sehr Schaf - vielleicht meinen sie, das Kamel ist sehr scharf? Macht eigentlich nicht den Eindruck, aber man kann nie wissen. Vor Jahren bin ich mal auf so einem Vieh 2 Tage durch die Wüste Thar geritten und fand, dass sie vorn und hinten gefährlich und in der Mitte durchtrieben sind. Ein Königreich für ein Pferd, da muss ich mich der Meinung eines britischen Königs anschließen. Also das scharfe Kamel lag dösig im Schatten rum und litt unter totaler Arbeitslosigkeit. Da wir keine Plastikkriegsschiffe wollen und auch kein „schafes Kamel“ lassen wir die Händlermeute ratlos zurück, vielleicht halten sie uns für Sadhus - eine sich entmaterialisierte heilige Priesterkaste, ohne materielle Wünsche - ja nicht einmal ein „schafes Kamelselfie“ wollen wir! Die Sadhus latschen übrigens überall in Indien rum und sind leicht zu erkennen, orangefarbenen Schnapp, barfuß und besonders die etwas mangelnde Körperhygiene, die Fliegen von der Wand fallen läst (beim ein oder anderen Vertreter dieser heiligen Aussteigercrew fällt auch schon mal ein kleinerer Vogel oder gar ein Affe betäubt vom Baum) ist ein zu erwähnendes Merkmal. Eigentlich leben sie ein heiliges Nichts, sind aber derartig geldgeil, dass ich manchmal einfach nur schmunzeln kann. Der Garten am Sunsetpoint ist inzwischen mit Gittern und Stacheldraht dem öffentlichen Zugang versperrt und das kulturbegeisterte Bleichgesicht soll pro Person 400 Rupien Eintritt latzen, um auf der Sandsteinbalustrade die Rückseite des Taj Mahal zu bewundern. Also das geht gar nicht! 400 Rupien haben wir schon beim kleinen Taj gezahlt, wo Schluss ist, ist Schluss. So schlendern wir am Zaun entlang Richtung Yamuna, verscheuchen einige gut gekleidete Kinder, die uns frech mit „Gimme money“ anblaffen, lehnen weitere Kamel-selfies und Ritte ab und landen schließlich am Fluss. Dort gibt eine kleine Öffnung

im Buschwerk den Blick auf das Taj Mahal frei. Anni verschlägt es die Sprache, wie auch ein paar anderen Sparfüchsen, die dort ebenfalls in ehr- fürchtiger Stille verharren. Leicht rötlich angestrahlt ruht das Taj in der Abendsonne und lässt erahnen, was uns wohl am kommenden Morgen erwartet.



